In der Nähe des Gartentürchens stand der Heiner und lugte über den Zaun. Obwohl er zu denen gehörte, die heute sich auswärts umtun konnten, hatte er doch bis jetzt auf dem Hofe sich herumgetrieben; als er nun Magdalene mit dem Bauern hinter den Bäumen verschwinden sah, fluchte er leise und wünschte letzterem unterschiedliche, meist gesundheitsschädliche Zufälle an den Leib. Unmutig wandte er sich ab.
Da schallte vom Brunnen her ein lautes Lachen, die Traudel, die halbblöde Stalldirne, saß dort auf dem Troge, sie hatte alles mit angesehen und lachte und wies dabei wiederholt mit steifem Finger nach dem Garten.
Schon fuhr Heiner mit dem Arme aus, aber er besann sich, begnügte sich, vor ihr auszuspucken und ging mit langen Schritten über den Hof zum Tore hinaus.
In der Mitte des Gartens befand sich eine Laube, deren dichtes Rebengrün einen Tisch und zwei Bänke beschattete, auf einer derselben nahm der Bauer Platz, die andere wies er Magdalenen an.
„Brauchst darüber nix zu versäumen,“ sagte er, indem er nach ihrem Nähzeuge deutete, „das verlang’ ich nit, unter solch einer Arbeit kann man ein’m ganz gut zuhören. Bist flink! Is recht. Daß ich dir also sag’, weil du so rechtschaffen Anteil an mein’ klein’ Dirndl nimmst und ihm in Wahrheit ein’ gute Kameradin bist, so is es wohl billig, daß auch du weißt, was alle im Ort wissen, nämlich, wie das arme Waiserl zu sein’m Siechtum gekommen is; das vergessen die Leut’ nur zu oft; wenn sie ihm just ein Ungeschickt’s in Übel aufnehmen und im Unguten bereden. Ich erzähl’s wohl nur ungern, aber du hast es um uns allzwei, um mich und das Kind verdient, daß du von niemand andern davon zu erfahren brauchst, und von mir hörst du auch nur das Wahre und nix Dazugemacht’s.
Schwach war die Burgerl von dem Tage an, wo sie’s Licht der Welt erblickt hat, aber trotzdem is sie alleweil g’sund g’wesen, bis vor fünf Jahren. Ihr’ Mutter war um die Zeit krank, kränker als wir, die Nächsten um sie, ihr angemerkt haben und als sie wohl selber gedacht hat, nit, daß sie sich gelegt hätt’, aber das geringste Bewegen hat sie gleich ermüd’t, und oft is sie taglang im Großvaterstuhl g’sessen, ohne sich davon zu rühren. Wir haben in dem Jahr grad ein’ nassen Hochsommer g’habt, ein abscheulich Wetter, das ein G’sundes hätt’ krank machen können, mit einmal setzt’s aber doch aus und kommen ein paar Tag’, an denen die liebe Sonn’ sich hervortraut und es recht freundlich g’meint hat, und an ein’ Morgen zeigt die Bäuerin Lust nach Hinterwalden zu ihr’n Eltern zu fahren, die kleine Burgerl wollt’s mitnehmen, und hat mich gebeten, ich möcht’ einspannen lassen, ich war’s z’frieden, denn ich hab’ denkt, die Fahrt könnt’ ihr zum Guten sein, und wie ich sie in den Wagen gehoben und das Kind ihr zur Seit’ g’setzt hab’, da hat mich nit entfernt ein’ böse Ahnung befallen.
Nach Hinterwalden haben’s ohne Anstand hingetroffen, die Bäuerin hat ein’ Freud’ g’habt, wieder einmal ihre Leut’ z’ sehen, und die an ihr und dem Enkelkind, und so war dort ein Verhalten, bis die Sonn’ angefangen hat unterzugeh’n. Wie sie aber auf der Herfahrt durch’n Föhrenwald an die Stell’ kommen, wo die Straße eb’n ins Freie ausbiegt, da wird der Bäuerin auf ein’ Schlag plötzlich so schlecht, daß sie ’m Knecht zuruft, einz’halten, sie vertrüg’ ’s Fahren nimmer; der muß halten, absteigen, sie aus dem Wagen heben und legt sie am Weg auf ein’ Rasenfleck nieder. Die klein’ Burgerl is heulend hinterher g’rennt und wollt’ nit von der Mutter lassen, was bleibt ’m Knecht über, als aufsteigen und davonjagen, wenngleich d’ Pferd’ drüber zuschanden gingen, daß er nur schnell die Kund’ auf’n Hof bringt.
Dieweil is aber die Bäuerin oben im Wald g’legen an einer Stell’, wo tagüber kein Wagen, außer ein’ unsern, verkehrt, selten ein’ Holzklauberin sich blicken laßt und damal, wo es schon zu nachten ang’hob’n hat, war’s dort gar schreckbar einsam. Da verfallt sie plötzlich ins Sterben und das verschreckte Kind hat das mit ansehen müssen, sieht sie da in Krämpfen liegen, bringt mit allem Jammern und Schrei’n kein Wort mehr aus ihr heraus, merkt, daß die Mutter sie nimmer hört, sie gar nimmer erkennt.“
Der Bauer drückte die Hand vor die Stirne, dann fuhr er fort:
„Bis wir eine Tragbahr’ instand g’setzt, ’n Bader g’rufen, andere Ross’ eing’spannt haben und dann mit’m Wagen und ’m nebenherrennenden G’sind an Ort gelangt sein, da is das Kind auch noch dazu schon über eine gute Weil’ allein mit der kalten Leich’ g’wesen, und von derselben Nacht an schreibt sich das Übel, da haben wir’s aufg’funden und heimbracht in dem Zustand, der sie bisher nit verlassen hat und auch nit verlassen will!“