Magdalene hatte beide Arme mit dem Nähzeug in den Schoß sinken lassen und sah zu dem Erzählenden auf. „Das is schrecklich, Bauer,“ sagte sie leise, „das is ganz schrecklich.“

„Gelt? Ja, mein’ liebe Leni, wie das damal so mit eins auf mir gelegen is, da is mir vorerst auch drunter der Atem ausgeblieben. Nun sagt mer wohl, wie ’n Menschen leicht verdient’s Glück hochfährtig und unverdient’s übermütig machet, so tät’ ihn auch verdient Elend reuig und unverdientes trutzig machen, weiß’s nit, ’s muß dabei halt doch drauf ankommen, wie dasselbe Glück oder Elend und der beschaffen is, den es betrifft; ich hab’ nit gemurrt. Was half’s auch? Ließ’ mer ’n Herrgotten nur als barmherzigen Vatern gelten, krieget der ärgst’ Sünder kein’ Streich, und gäb’ man ihm herentgegen die Strafrut’n in die Hand, mit der er jedem, nit nur für Werk’, sondern auch um Wort’ und Gedanken aufmesset, dann wär’ keiner auf der Welt von d’ Schläg’ ausg’schlossen. Daß unser Herrgott dasselbe veranstalt’t hätt’, konnt’ ich nit glauben, es war halt ein Geschehnis und da bleibt nix über, als daß mer sein bissel Vernunft z’samm’nimmt, es leid’t und tragt, und ich hab’s gelitten und getragen bis ins kleinste; wenig Nächt’ zähl’ ich, die ganzen fünf Jahr’ her, die ich nit sorglich wie ein’ Kindsdirn’ bei der Klein’ zugebracht hätt’, denn die ein’ Mägd’ war’n ihr zuwider, die andern haben sie gescheut und schau, just die Plag’ hat mir das Kind lieber g’macht und in meiner Sorg’ find’ ich gleichzeit mein’ Trost.“

„Bist ein rechtschaffen braver Mann.“

„Weiß nix davon, das is so eins aus’m andern kommen. Anfangs haben’s mir eing’raten, ich sollt’ d’ Burgerl wo nach einer Anstalt hingeben, die ein g’schickter Arzt leit’t und wo jed’s sein’ rechte Pfleg’ und Wartung hat, aber ich hab’ mir denkt, wann ich’s gleich in die Fremd’ schick’, die Sorg’ um sie bleibt mir doch daheim und wann sie etwa ’s Heimweh überkommt, so müssen’s mir’s ja wieder z’ruckschicken und wann mit’n Jahren die Dirn’ zu Verstand kommt und sich sagt, daß ich’s mit freien Willen von mir geben und bemüßt z’ruckg’nommen hätt’, so entfremd’t mir’s das, aber so mag ihr jede Sorg’ und Plag’ erinnerlich sein, ich besteh’ als rechter Vater vor ihr und vielleicht erkennt’s dann mein’ Treu’.“

„O g’wiß, Bauer, die Burgerl schon!“

„So hab’ ich’s halt unter mein’ und der Leut’ Augen aufwachsen lassen und hab’s keinem übel g’nommen, wenn er sich in sein’ Nöten damit getröst’t hat, daß auch ’m Grasbodenbauer ein Kreuz aufliegt, das aus kein’m leichten Holz ’zimmert is.“

„Das is aber geg’n ein Mann, wie du bist, recht grauslich von den Leuten.“

„Ah nein, das is nur menschlich, der Jammer sucht sein G’spann, wie die Freud’ den ihren, gewinnen tun freilich dabei nur d’ Bettelleut’, denen schenkt man bei einer Leich’ wie bei einer Hochzeit. Wie g’sagt, die traurige Tröstung, die einer für sein Not in der mein’ sucht und find’t, die bered’ ich nit, ein anders aber ist’s, das mich kränkt, die Bosheit und Schadenfreud’. Ich könnt’ wohl ’m ärmsten Holzknecht ’s g’sunde Leben seiner Kinder neiden und in mancher Nacht hätt’ ich gern mit ein’ solchem ’tauscht, doch nit ohne daß ich ihm vorm Handschlag g’sagt hätt’, sieh dich für, was d’ tust, ’s könnt’ dich reu’n und ich mag dich nit trüg’n; doch über mein Drangsal und der Burgerl ihr Siechtum is im Ort herumgered’t word’n, als wär’s eine verdient und ’s andere a Schimpf, und es geschieht doch kein’m leichter je schwerer mir geschieht und es hebt doch keiner mehr Ehr’ mit sein’ Kind auf, weil er mir das meine verschänd’t. So oft mer so a Bösartigkeit zu Ohren ’kommen is — und zu’trag’n wird’s ein’m ja, — hab’ ich all’mal Gott dankt, daß die Dirn’ kein Bub’ is, was hätt’ mer dann erst leiden müssen, er und ich, wir all’zwei miteinander? So ist’s ein Dirn’, schenkt ihr Gott doch noch ’mal die G’sundheit, kann sich alles zum Guten schicken und sie ein’ braven Mon und der Grasboden ein’ rechten Herrn kriegen, soll’s nit sein, dann mag sie, wann’s einmal allein auf der Welt steht, ’s Anwesen verpachten oder verkaufen, es langt reichlich, daß sie für all ihr Leblang nit zu sorgen braucht, bis dahin aber muß ’s Ganz’ rechtschaffen z’samm’g’halten und verwalt’t werden; wie schwer mir das bislang aufgelegen ist, wo ich beiher die Kleine betreuen mußt’, das kannst du dir wohl denken, aber auch das, wie froh ich jetzt bin, Kopf und Händ’ völlig frei zu kriegen, weil du da bist!“

Er langte hinüber und erfaßte die Rechte des Mädchens, die eben nach einer Zwirnspule griff. Magdalene zog die Hand nicht zurück, nur, wie um dem Drucke der fremden auszubeugen, spreitete sie die Finger so flach über der Tischplatte aus, als es die Spule gestattete, plötzlich aber diese hastig aufgreifend, schnellte sie die Hand des Bauers von sich, und dieser erhob sich gleichzeitig, denn Burgerl kam durch den Garten herzugelaufen.

„Vater,“ rief sie, „weißt schon, künftig’ Donnerstag is Kirchtag?!“