Magdalene war mit Burgerl in der Kirche gewesen, und was den beiden nachher im Gedränge über den Kirchenplatz von den Herrlichkeiten des Marktes in die Augen fiel, das war auch alles, was sie von dem Kirchweihfeste überhaupt zu sehen bekamen. Einmal wurden sie von der Menge in einen Kreis gedrängt und mußten die Tanzkünste eines Bären mit ansehen, ein zweites Mal gerieten sie in einen Schwarm, der wie eine Mauer stand, bis ein Sängerpaar, Mann und Weib, die „neueste Mordgeschichte“ zu Ende gesungen hatte. Der Sänger, ein überlanger, hagerer Mensch, quiekte seinen Part in Fisteltönen herunter, während die kümmerliche Alte, die fast hinter ihrer Harfe verschwand, durch Gebrumme die Baßbegleitung dazu markierte. Im Rücken des Paares hing eine Leinwandfläche, mit Greueln in einer diesem Vorwurfe entsprechenden Malweise bedeckt, und der Mann hielt oft in seinem Gesange eine Note länger aus, um mit einem Stäbchen auf die betreffende „Szene der Historie“ zu tippen. Zu diesen bildlichen Darstellungen, die sich in schreiender Übertreibung gefielen, stand der sangliche Text, die dichterische Leistung, durch ihre schlichte Einfalt in herzerfreuendem Gegensatze. Die Ballade entließ die Zuhörer mit der freundlichen Mahnung, keinem Menschen ein so schweres Leid — wie das Umbringen — zuzufügen, da Gott und die irdische Gerechtigkeit es sehen; zwei Bedenken, die in bündigster Kürze den Mord ebenso verwerflich, wie unpraktisch erscheinen ließen.

Auf dem Heimwege sprach Burgerl die Überzeugung aus, daß lang vor Abend schon manches Paar auf dem Tanzboden sich nicht gelenker als der Bär drehen und dazu nicht schöner als die beiden „Mordtäter“ quäken werde.

Unter dem großen Torbogen, dessen Holzgatterflügel zugelehnt waren, stand Sepherl und blickte eifrig der Straße entlang, sie hatte einen abgetragenen Sammetspenzer an, der wohl einst jugendfreudige Stunden mit angesehen haben mochte, aber nun, wo er sie auch hätte spiegeln können, da stellten sich keine mehr ein. Die Alte hatte während des Kirchganges der andern das Haus zu hüten; jetzt sieht sie Burgerl und Leni herankommen und nickt ihnen zu und trippelt ihnen eilig entgegen. „’s in Ordnung!“ schreit sie, „und jetzt geh’ ich und jetzt schau’ ich und jetzt tu’ ich mich um. Heut steckte ich frei eine Junge in’ Sack, müßt’ ich nit fürchten, daß er ein Loch kriegt’! B’hüt Gott!“

Burgerl drückte das Gatter ins Schloß und sperrte ab, und nun waren die beiden Mädchen in dem weiten, großen Gehöfte allein. Ringsum herrschte noch feierliche Stille. Als sie über den Hof schritten, hörten sie den Hall ihrer eigenen Tritte und von den Ställen her das Schnauben der Kühe und das Prusten der Pferde, sie sahen vorerst nach, ob da nichts verabsäumt worden und das Vieh das Seine habe. Als sie nach Grünzeug durch den Garten gingen, war es dort so lautlos, daß sie fast gerne den Atem an sich gehalten hätten, nichts als das Geflatter eines Vogels im Geäste und das tiefe Gedröhn einer verspäteten Hummel war hörbar, und als sie später in der Küche vor dem Herde saßen, da prasselte das Feuer noch einmal so lustig wie sonst eines und dazu surrte eine große Fliege, zehnmal ärgerlicher wie sonst eine, am Fensterglas auf und nieder.

„Es tät’ gerad’ sein,“ meinte Burgerl, „als wären sie in ein leutverlassenes Ort geraten, und sie fänd’s just nit uneben, so gottallein zu sein auf der Welt.“

„Ei wohl,“ lachte Leni, „zu zweien und für ein’ alleinigen Tag.“

„G’wiß, af d’ Dauer fing’n mer sich allzwei zun fürchten an, oder, wär’n wir Bub’n, zun langweilen. ’s Einsamen taugt für kein gleich’s Paarl.“

„Für ein ungleich’s etwa?“

„Das bleibet nit allweil allein.“

Leni runzelte die Brauen. „Davon sollt’st du noch nix wissen, oder wann du’s weißt, es nit bereden.“