„Schau, sei du nit harb,“ sagte Burgerl, indem sie Magdalene begütigend am Arme anfaßte. „Ich kann ja nit dafür, daß die Leut’ nit allmal drauf achten, wie die Kinder nit umsonst große Augen im Kopf haben. Jetzt red’ ich halt oft noch wie ein Fratz, mehr, als ich weiß, aber laß mich nur erst groß sein, dann werd’ ich auch mehr wissen“ — hier kneipte sie den Arm — „als ich red’.“

Leni schürte mit der freien Hand eifrig das Herdfeuer, plötzlich rief sie: „Los’ einmal,“[19] warf das Schüreisen fort und rannte, gefolgt von Burgerl, in den Hof hinaus.

Nun war es außen, allenthalben um den stillen Hof, lebendig geworden, in der Luft schwammen Töne, bald überklang das Gellen einer Pfeife, bald das Gerumpel der Baßgeige, oder der Schlag der großen Trommel alles andere, bald ein lustiger Aufschrei, bald eine mehrstimmig gesungene Tanzweise, dann verschwamm wieder alles in ein unbestimmtes Geräusch, das leise schütternd sich fortspann und allortig webte und schwirrte, bis es plötzlich im Gekrache eines Böllers oder eines Pistolenschusses dahinstarb, worauf sofort wieder ein einzelner Klang es über alle anderen gewann.

Jetzt konnte das Dorf nimmer für ausgestorben gelten, eher das Gehöft, und in selbem war man nimmer gottallein, sondern weltverlassen; daher meinte auch Burgerl, nun sei es nicht mehr wie in einem leutverlassenen Ort, sondern wie auf einem verwunschenen Schloß, und sie tröstete Magdalene, daß der Spuk nur bis zum nächsten Morgen dauern werde. Übrigens erhielten sie doch einige Nachricht von der bewegten Welt da draußen, denn die alte Sepherl brach etlichemal den Bannkreis des Zauberschlosses und wenn niemand bei dem Gattertore zu errufen war, so scheute sie auch den Weg um das Gehöft nicht, um rückwärts durch den Garten einzudringen. Das erstemal kam sie schreiend vor Lachen: „Ui, der Maut-Einnehmer-Kathel haben sie’s aber ein’bracht! All d’ Kirchtag’ her is ihr ein Föhrndorferbub’ z’ g’ring’ g’west, ein Forscht- oder G’richtsadjunkt, ein Schtandar-Wachtmeister oder sonst einer hat’s sein müssen, der ’n kaiserlichen Adlervogel af’m Kragen, oder sonstwo, hat sitzen g’habt’ wie ’n ihr Vater am Schild; dösmal aber — weiß nit, hat döselb’n allz’samm der Geier g’holt oder sein’s zun Kuckuck ’gangen — war keiner z’ sehn und die aufg’stazte Gredl is dag’sessen, breit vor lauter Kittelwerk und Falbeln und G’schichten, hat g’scharrt mit dö Füß’ und blinkt mit dö Aug’n und zupft mit dö Finger, und wie sie’s lang g’nug hab’n sitzen lassen, daß ’s vor Gall’ schon hätt’ z’springen mög’n, is der kropfete Kegelbub’ ang’stift’t worden, daß er ein’ Sprung nach ihr tut wie a Heppel[20] und sie zum Tanz aufzieht, da is ’s aber ausg’rissen und röhrend davong’rennt und die Bub’n samt der Musik hinterher und haben’s fein manierlich heimgeigen lassen.“

Der Sepherl schien das ein ganz kapitaler Spaß, sie erzählte mit Händen und Füßen, in vergnüglicher Bosheit hüpfte sie hin und her und focht und deutete mit beiden Armen.

Das zweitemal, schon in vorgerückter Nachmittagsstunde, kam sie mit bedenklicher Miene herzugeschlichen und sagte zur Burgerl: „Dein Ehnl is dösmal davonblieb’n, er hat sag’n lassen, er hätt’ so stark ’s Reißen.“

„Ei, du mein,“ rief das Mädchen, die Hände bedauernd zusammenschlagend, „da fallt mer auch der Kirchtag von ihm in’ Brunn’.“

Die Alte drohte ihr mit der Faust und flüsterte Magdalenen zu: „Is übel, der hat af’n Bauern g’schaut, und wenn mer nit schaut, so trinkt der leicht mehr als er vertragt, und er vertragt wen’g.“

Und als der Mond schon hoch am Himmel stand und die Sterne funkelten, da kam Sepherl mit gerungenen Händen herbeigestürzt und berichtete von einer „erschrecklichen“ Rauferei im „Roten Adler“; zwei lägen schon dort, wenn die der Bader wieder auf gleich brächt’, dann sei er ein Hexenmeister. Und jetzt hätt’ sie sich aber auch für ihr Teil g’rad’ g’nug gesehen und blieb’ heim!

Nun begaben sich die beiden Mädchen — „um doch auch etwas zu sehen“ — hinauf nach ihrer Kammer, lehnten sich aus dem Fenster und horchten hinaus in die laue Nacht, wo in der leichtbewegten Luft jedes nahe und ferne Geräusch sich deutlich unterschied, und sahen hinab in die Gasse nach den ab und zu gehenden Leuten, von deren Gesprächen einzelne Worte heraufschallten. Etliche verließen das Dorf und suchten die freie Straße, andere kehrten von derselben zurück. Ein junger Bauer trieb unter Scheltworten und Püffen die weinende Bäuerin vor sich her nach dem Dorfe, ein anderer schlenderte mit der seinen hinaus, hielt sie um die Hüfte gefaßt und zog sie unter eindringlichem Geflüster und täppischer Zärtlichkeit an sich.