Der lange Meßner nickte ein paarmal mit dem Kopfe, eigentlich aus purer Gefälligkeit, denn verstanden hatte er nichts; nur weil von zwei Zügeln die Rede war, so meinte er, es sei damit auf eine Hartmäuligkeit des Volkes angespielt, um doch zu zeigen, daß dieser versteckte Gedanke nicht an ihm verloren gegangen sei, sagte er, während er mit seiner Laterne in das Korbgeflechte des Wagens kletterte: „Ja, die sollten es nur einmal versuchen mit dem hartmäuligen Volke!“

Der Pfarrer bog sich von seinem Sitze nach dem Meßner zurück, und, da sich der Wagen gerade in Bewegung setzte, so fuhr er mit forschenden Augen auf ihn zu, während das groblinige Gesicht des letzteren nichtssagend zurückwich. Der Mann war unschuldig an den Gedanken, die er mit einem Worte in dem jungen Seelsorger weckte und die sich nun, begünstigt durch das Schweigen und die Einförmigkeit der Nachtlandschaft und durch das gleichmäßige Dahinrollen des Gefährtes, stille in ihm fortspannen. — — „Das ist eine ganz vertrackte Arbeitsteilung, der Wolfbauer findet das Wort und ich muß die Gedanken dazu nachholen. Es liegt ein fertiger Einwurf darin. Die Hartmäuligkeit kann auch von dem strengen Gebrauche der Zügel herrühren, und dann vermeint man nur die Masse zu lenken, während sie seelenmüde und gleichmütig in den ausgefahrenen Geleisen dahinzieht — bis sie ein gewaltiges, unerwartetes Ereignis scheuen macht, und sie mit elementarer Gewalt unberechenbare Wege dahinrast. Darin liegt die Gefahr, sie ist furchtbar, doch sie tritt selten auf, der Vorteil aber liegt in der angewohnten Fügsamkeit der Massen und die ist alltäglich. Es ist doch nur Geschmacks-, eigentlich Parteisache, ob man den Vorteil nützen oder der Gefahr vorbeugen will, die einen wollen die Menschen zu Massen ballen, das sind die politischen Praktiker, die andern wollen die Massen in Menschen auflösen, das sind die — Idealisten!“ Er seufzte leise auf. Vielleicht war er in seinen Studienjahren auch einer gewesen.

Bis er das Geräusch des davonrollenden Wagens aus dem Gehör verlor, hatte der Müller aufgehorcht, er hatte sich im Bette halb aufgerichtet, jetzt griff er mit der Rechten hinter sich, bauschte die Polster auf und lehnte sich zurück. Er fühlte sich leichter. Er sah um sich, er war wieder allein.

„Schau,“ sagte er, „der Pfarrer, das ist ein feiner! Zum Streiten möchte er gar anheben, wenn man ihm nicht in allen Stücken zu Willen wär’. Bei all dem ist nichts verhaut, solang ich lebe. Hab’ ihm doch auch manche Red’ gegeben, wo er ein Gesicht dazu gemacht hat, als hörte er den Teufel Mess’ lesen — — und einölen hat er mich doch müssen, hihi“ — er schlug mit der flachen Hand auf die Bettdecke —, „einölen hat er mich doch müssen.“

3.

Der Morgenwind strich vor der Sonne her, als wollte er Busch und Kraut wach fächeln, und ein geheimnisvolles Weben und Regen begann in der Luft, im Dämmer schienen sich die Gegenstände auf die Farbe zu besinnen, die sie im Lichte trugen, — der Tag brach an. Vorüber war die Nacht, die letzte auf Erden für den alten Mann in der Mühle, die erste für den Säugling im Reindorferhof, dort verflackerte ein ausgebranntes Licht, hier glimmte ein verwandter Funke mählich an.

Es lag noch alles in anheimelnder Stille. In den Büschen längs des Fahrweges begann es mit ungelenkem Flügelschlag zu flattern und in einzelnen Tönen zu zwitschern, und von gegenüber rief eine Stimme: „Seid ihr noch verschlafen, Geflieder?“ Es war der Reindorfer, der an seinem Hoftor lehnte, er zwinkerte dabei lustig mit den Augen, sah dann zu dem blassen, reinen Himmel auf und rings nach den bewaldeten Hügelkämmen und tat einen tiefen Atemzug. Ja, der Morgen, wo man so mit der lieben Gotteswelt allein ist! —

Es dauert aber nicht so lange, als man eine Pfeife raucht, so rufen sie einem zum Frühstück und da sitzt man wieder mitten drinnen ... Sein Gesicht verfinsterte sich, er führte die Pfeife nach dem Munde und preßte die Zähne auf die Spitze, dann trat er zurück, schloß hinter sich das Tor und ging durch die Küche nach der Wohnstube, an der Tür lauschte er, die Bäuerin hustete, sie war wach, da begann auch das Kind zu schreien, unwillkürlich ballte sich ihm die Faust und siedig heiß schoß es ihm nach den Augen, als solle er vor Zorn weinen, er wandte sich ab.

„Das Kleine schreit recht brav,“ sagte die Dirn’, die am Herde stand.

Da lehnte er seine Pfeife in den Herdwinkel und trat in die Stube.