Er ging nach dem Fenster, die Bäuerin sah ihm mit furchtsamen Augen nach, sie erwartete keinen Gruß von ihm, aber sie getraute sich auch nicht, ihn zu grüßen.
Der Bauer blieb, wo er war, zog den nächsten Stuhl an sich, setzte sich, sah auf seine Stiefelschäfte nieder und begann ohne weitere Einleitung: „Ich bin alt und du bist nimmer jung, lärmendes Getue und Getreibe macht uns keine Aufheiterung mehr, wozu sollen wir derlei uns ins Haus laden? Aufsehen macht es auch, wenn man das Kind im Aufzug zur Kirche bringt, all das mag mir nicht taugen, so will ich gleich dazusehen; heut’ fährt der Herr Pfarrer gewiß wieder vorbei nach der Mühle, und da will ich ihn abpassen und ihn bitten, daß er zu uns kommt und das Kind im Hause tauft. So mein’ ich, könnt’ alles in der Stille vor sich gehen, und brauchte nur die Gevatterin und wer sonst not ist, dabei zu sein; man kann ja sagen, man tu’ so eilig, weil es mit dem Kind nicht recht richtig wär’,“ — er blickte seitwärts nach der Wöchnerin und setzte halblaut hinzu — „wär’ auch nicht gelogen, und doch die Wahrheit im Sacke behalten.“
„Du sitzest soviel weit weg,“ klagte die Bäuerin, „daß man nicht reden kann, ohne daß eines draußen alles hört.“
„Was braucht es da Heimlichkeiten, sag’ ja oder nein.“
„Schau, wegen der Tauf’, da tu nur, wie du dir vorgenommen hast, aber ich hätt’ noch etwas zu sagen, und das kann ich nicht laut.“
Der Bauer erhob sich und trat näher.
„Du wirst wohl nicht dagegen sein, und mir wäre es ein rechter Trost in meinem Unglück. Weißt,“ flüsterte die Bäuerin, indem sie den Arm etwas hob und nur mit dem Handrücken gegen die Wiege deutete, „wenn es aufkommt, möchte ich es gerne in die Stadt zu den frommen Frauen geben, damit es christlich auferzogen wird und einmal selber eine werden kann. Da wäre es gut aufgehoben, der Herrgott möchte ihm sein Dasein nicht so übel vermerken und wohl auch ... anderen ihre Sündhaftigkeit nicht mehr so schwer aufrechnen.“
Der Bauer trat hart an das Bett.
„Sei nit so dumm,“ sagte er, „unsern Herrgott geht es nicht so nah’ an, wie mich, so wird er doch keinen Zorn auf das Kind haben, das an allem ganz unschuldig ist; du aber verbleibst eine Sünderin, wenn es gleich eine Heilige werden möcht’, und es soll doch vorerst nur eine Klosterfrau werden, und die sollen nicht alle auf das Heiligwerden aus sein. Es ist nicht mein Kind, so red’ ich ihm auch nicht das Wort, aber die Frommheit kann man keinem anlernen, wie jungen Hunden das Wildaufspüren, und wenn dann plötzlich eines zu Jahren und zu Verstand kommt und es mag sich nicht darein finden, dann taugt es für Erd’ und Himmel nicht mehr. Und sich dabei auf gut Glück verlassen, wie es ausgeht, dazu ist heuttags schon gar kein Zeitpunkt, wo alle Welt hinter den Kutten her ist, früher hat man noch manches vertuschen können, jetzt aber braucht unser Herrgott nur Leute in seinem Dienst, die ihm Ehre machen, die andern sollen davonbleiben. Wär’ das aber auch nicht meine Meinung, hierin tät’ ich dir doch nicht deinen Willen! Du hast vermeint, ich würde ja sagen, weil ich selber das Kind nicht gerne vor mir sehen möcht’, und dabei hättest du es auch aus den Augen gekriegt und aus dem Sinn, und das wär’ dir recht gewesen, denn mit der Schamhaftigkeit über seine Sünden hält es der Mensch, wie die Katze mit dem Unrat, weiß sie den nur eingescharrt, so geht sie stolz davon, als hätte man sie nie darüber hocken gesehen. Du hättest darauf vergessen und dir einbilden können, es wäre noch alles in alter Gehörigkeit. Darum bleibt das Kind im Hause und dir unter Augen!“ —
„Freilich, wenn du es willst,“ sagte kleinlaut die Bäuerin, „muß es schon verbleiben, das Weggeben war auch nur so ein Gedanke von mir.“