„Bist in einem dort, wo ich meine. Weißt du Zirbendorf?“

„Dort liegt’s,“ Florian wies in die Gegend, in der Richtung lag ein hohes Gebirge in verschwimmendem Blau.

„Hast nie etwas gehört vom Leutenberger Urban dort?“

„Nein.“

„Nimmt mich nicht wunder. Wie er in dem Alter war wie du, da war die ganze Gegend voll von ihm, danach ist alles wieder hübsch eingeschlafen, nur er nicht, er freilich nicht, er ist hübsch munter geblieben bis auf den heutigen Tag. Das ist aber daher gekommen, anfangs hat man geglaubt, er wird doch einmal seinen Meister finden, der ist aber ausgeblieben, sauber zerschlagen ist noch jeder heimgekommen, der mit ihm angebunden hat, es sind alle nacheinander dort gewesen, die so was haben unternehmen können; alle hat er heimgeschickt und so hat sich keiner mehr an ihn herangewagt und da haben sich auch die Leute rundum nicht mehr zu mucken getraut; was er ihnen auch an Gewalt und Bosheit angetan hat, es ist nimmer viel Gerede davon gewesen, es hat sich eben gezeigt, daß er der Stärkste war, und seither ist jeder froh, wenn nur er mit dem Urban auf gutem Fuß steht, und fragt nicht danach, was der mit den andern vornimmt. Seit er ihnen den Herrn gezeigt hat, hört man wenig mehr von ihm, aber daheim macht er ihnen zu schaffen, gerade wie früher.“

„Du meinst, mit dem soll ich’s aufnehmen?“

„Ich meine nichts, es war nur die Rede, ob einer was weiß, was sich keiner getraut, und da ist mir die Geschichte von dem Leutenberger Urban eingefallen. Es ist auch schon eine lange Zeit her, jetzt lach’ ich darüber, aber damal hätt’ ich vor Wütigkeit weinen mögen, wie ich von dort heimgekommen bin mit dem Buckel voll schwerer Schläg’, und die hab’ ich nirgends abladen können. Wie gesagt, du mußt es nicht so aufnehmen, als wollt’ ich dich an den hetzen, wo noch jeder übel weggekommen ist, eben es gilt ja keine Wette.“

Florian stand auf. „Du mußt nicht auf einmal so sorglich tun um mich, Kohlenbrenner-Jackerl. Ich merk’ ja doch, daß du mich nur hänselst und inwendig ein breit’ Maul ziehst. Laß dir davon abraten, sonst möcht’ ich mich ein wenig an dir erproben und so gut wie der Leutenberger Urban denk’ ich es auch noch zu treffen, und da das keine lange Zeit her wäre, so möchtest du auch nicht darüber lachen. Wenn ich gesagt hab’, ich führe es aus, so führe ich es aus! Ihr sollt noch davon hören.“ Er zahlte und die Gesellschaft entfernte sich in etwas gedrückter Stimmung.

Sie gingen die Straße durch das Dorf. Der lange Kohlenbrenner hielt sich immer einige Schritte abseits von den andern. Hier gab der eine, dort der andere gute Nacht und verschwand in der Türe eines niederen Häuschens oder hinter dem Gatter einer Hofumzäunung; als Florian bei dem mittleren Graben anlangte, befand sich niemand mehr an seiner Seite. Er schritt rüstiger aus, aber er hatte nur eine kurze Strecke zurückgelegt, als er hinter sich jemand eilig herankommen hörte, er dachte gleich an den Kohlenbrenner und da er ihm keine freundliche Absicht zumuten mochte, so drehte er sich so herausfordernd um, daß der Herankommende, es war der Köhler, nicht zweifelhaft sein konnte, welcher Empfang ihm zugedacht sei.

„Sei nicht dumm, Flori,“ keuchte hinzutretend der Lange. „Ich werde dir doch nicht nachlaufen, um mir die versprochenen Schläge zu holen, ich weiß ja wohl, daß du von uns zweien der stärkere bist. Mich verlangt nur, daß ich dir sag’, was ich heut’ geredet hab’, das laß zu einem Ohr hinein- und zum andern hinausgehen, kehr’ dich nicht daran, ich hab’ es nur so im Zorn vorgebracht, weil du mich geschraubt hast, als möcht’ ich noch immer wie ehedem der Erste sein und tät’ es dir neiden, dasselbe ist aber halt doch nicht wahr, ich bin schon zu alt, und dich mag ich leiden und es läge mir auf dem Gewissen, wenn ich der Anlaß wär’, daß du zu Schaden kämst. Wo noch einer glauben kann, er wiegt den andern auf, nun, da ist gerauft eben gerauft, aber da ist’s gemördert, der Urban ist ein Kerl wie der Teufel selber, der bringt einen auch um in aller Gemütlichkeit. Schau, mußt nicht nach Zirbendorf gehen. Hänseln wird dich darum keiner, denn daheim bei uns bist du der Starke. Tu’s nicht.“