„Nein, Hochwürden, dasselbe ist nicht not. Sie hat schon recht, wenn sie das begehrt, denn unser Herrgott nimmt die Dinge wohl nicht so auf wie ein Mensch und darum ist es gut, man verlangt auch den Menschen ihre Verzeihung ab! Sie hat auch recht, — gleichwohl sie hat merken können, ich trage ihr nichts nach, — wenn sie es gesagt haben will, denn solch ein Wort zur letzten Letzt’ ist wahrhaft und läßt sich nicht lügen und nicht leugnen.“ — Er trat heran an das Bett. — „Rosel, wenn ich daran denk’, wie lange du brav und ehrlich warst, vermöcht’ ich nicht, dir in deinem Sterben nachzutragen, daß du einmal schwach und hinfällig gewesen.“
Das Weib schluchzte heftig. Der alte Mann fuhr sich über die Augen mit der Rechten, dann erhob er sie feierlich. „Und so sag’ ich dir denn, daß ich dir alles vom Grunde des Herzens verzeihe, so wahr ich mir dereinstens von Gott und den Menschen das gleiche erhoffe. Amen!“
Er legte seine zitternde Hand in die ihre, sie faßte ihn daran und hielt den Blick der matten Augen starr auf ihn gerichtet. „Mein Joseph, so ist es nun recht geworden und nun bleibt es. Ich wollt’ nur, ich hätt’ noch ein Leben mit dir, — du solltest es anders haben.“ Wieder weinte sie heftig.
„Tu dich nicht aufregen, der hochwürdige Herr versammelt schon das Gesind’!“
„Du bleib’ bei mir, Joseph, du bleib’ bei mir, auch vor den Leuten, gelt ja, — das ist unser neuer Brauttag, unser Brauttag.“
Der Pfarrer, der vor die Tür getreten war, führte jetzt den Mesner und das Gesinde herein. Als er der Bäuerin die kirchliche Tröstung reichte, trat er selbst nur einen Schritt heran und vertrieb den Bauer nicht von seinem Platze, und als sie gingen, winkte er ihm mit stillem Gruße, zu bleiben.
Über eine Weile waren die Leute fort, die Bäuerin atmete ruhiger, es löste sich ihre Hand, sie war eingeschlummert. Der Bauer trat leise von ihrem Bette zurück, ging nach dem Tische und griff nach der Feder. Er hatte an Magdalene geschrieben, wie es um ihre Mutter stehe und daß sie für dieselbe beten solle. Jetzt fügte er noch hinzu, daß sie eben mit den Sterbesakramenten versehen worden sei und daß er ihr vom Grunde des Herzens vergeben habe.
Er beendete den Brief nicht, es ward ihm gar ängstlich in der Stube, er schlich hinaus nach dem Hofe und tat einige tiefe Atemzüge.
„Ihre Reu’ hat mir schier wehgetan,“ murmelte er. „Es ist doch ein eigenes herzverschnürend’ Wesen um so ein Sterbendes, wie bald und es soll nimmer sein; da möcht’ man voreh’ noch einmal den ganzen Herzinhalt vor ihm ausschütten, aber er will nicht ins Wort, bis es vorbei ist, und man behält das Ganze für sich, ungesagt und ungehört. O du mein Herr und Gott! Wie hilft sich doch alles auf der Welt so elendig durch, was geboren wird, bis es wieder versterben muß! Halt ja, müssen wir uns allsamt rechtschaffen erbarmen! Von der Lieb’ soll mir keiner sagen, die sucht ihren Grund und hat ihr Absehen, das Erbarmen fragt nicht danach, dem ist genug, daß eines mit da ist, das Erbarmen untereinander, es ist doch das Beste!“
Er horchte auf, wohl regte sich nichts, aber er eilte mit leisen Schritten zurück an das Sterbelager seines Weibes.