„Der Leutenberger,“ flüsterte es in der Menge und diese wich scheu zurück. So trug man den Toten vorbei an den Gräbern, durch die Pferdedecke sickerte Blut und zeichnete den Weg, sie legten den Leichnam auf einen Schragen und am Kopfende flackerte das müde Licht. Als die Träger heraustraten, schloß der Kirchendiener die Türe ab.
„Und der andere? Was geschieht mit dem anderen?“ so fragten sich alle und einer stellte auch diese Frage an den Bürgermeister.
„Es möchte vielleicht ein Fürchten in der Gemeinde sein,“ sagte der, „wenn man einen solcherweis’ Gestorbenen nachtüber im Orte wüßte. Wir sind übereingekommen, ihn alsfort nach Langendorf zu seinen Eltern zu überführen. Ich habe es mit dem Mitteregger besprochen, der kennt die Leute gut, der nimmt es auf sich und bringt ihn hin.“
Da zupfte Everl die Großmutter am Rocke und sagte leise: „Großmutter, ich möchte mit, morgen bin ich schon wieder heim, aber jetzt möchte ich mit, er hat ja sonst gar niemand.“
Der Mitteregger und sein Knecht banden den Leichnam mit Stricken an dem Wagen fest, „damit es ihn beim Fahren nicht zu stark werfe“. Da trat die alte Fehringer hinzu. „Tätest du mir wohl den Gefallen und nähmst die Everl mit? Sie tät’ gern für den beten.“
„Warum nicht?“ sagte der Mitteregger und knüpfte den letzten Knoten. „Soll sie mit, was das Dirndel will, ist christlich, es gilt fürs Totenbestatten und ist ein barmherzig Werk. Komm nur!“ Er hob das Mädchen auf den Wagen, der sich alsbald in Bewegung setzte.
Sie fuhren ziemlich rasch dahin, erst durch einen finstern Wald, dann auf einer endlosen Straße. Der Mitteregger lenkte die Pferde und der Knecht hielt eine brennende Fackel; die düstere, gelbe, rauchende Flamme warf unbestimmte wirbelnde Schatten in die Büsche und auf die Wege, zu Häupten der Leiche kniete das Kind, ein starrer Arm streckte sich aus der Decke gegen dasselbe, diese kalte Hand hielt es lose in seiner kleinen, lebenswarmen Rechten und mit der Linken griff es manchmal nach den Stricken, ob diese auch festhielten und dabei nicht einschnitten.
Der Morgen begann zu grauen, der Knecht tat die Fackel aus, immer noch fuhren sie weiter und da kamen sie an dem Reindorferhofe vorüber, da waren die Fenster verhangen und durch die dunklen Tücher sah man den gelben Schein von vielen Lichtern, der Mitteregger wies mit der Peitsche danach und sagte: „Da drinnen haben sie auch ein Totes!“
Und dann fuhren sie noch ein Stück Weges und es ward bereits heller am Himmel, sie bogen um eine Ecke, ganz nahe stand eine Mühle, und als sie auf dieselbe zulenkten, rauschte das Wasser, das Rad begann sich zu drehen und es klapperte lustig durch das Tal. Da wurden die beiden Männer völlig kleinlaut.
Der Wagen hielt vor dem Hause, der Mitteregger schwang sich vom Sitze, nun wird er die Eltern herbeirufen —, da drückte das Mädchen die Hand des Toten, stieg eilig herab und verbarg sich hinter ein Gebüsch.