Die Leute hatten sich nach und nach verloren, und als der Friedhof wieder ganz verlassen lag, da trat das Mädchen an das offene Grab des jungen Mannes, kniete zur Erde nieder, zog unter dem Brusttüchelchen einen kleinen Strauß hervor, Blumen, wie sie wild wuchsen am Rande der Schlucht, und ließ ihn in die Grube auf den Sargdeckel fallen.

Dann betete das Kind lange, erst der Totengräber, der mit dem Spaten herankam, scheuchte es von dem Grabe weg und es schickte sich zur Heimkehr an. Was nahm es mit sich? Das feste Vertrauen, daß auch der Ärmste auf der Welt nicht ungestraft gekränkt werde, daß immer gute und hilfreiche Menschen für ihn einstünden, wie ja einer derselben durch seine Blutzeugenschaft bekräftigt.

Es war ein kurzes, jäh abgerissenes Menschenleben, ein zernichtetes, verkommenes Sein, das sich da in kühler Erde barg, beklagt und betrauert von denen, die es mit angesehen, wie es verkam und verging; aber nun deckt die Scholle dasselbe und alsbald auch sein Gedächtnis.

Doch über das Grab hinaus, in Jugendfrische, wie er dahingeschieden, der Schönste, der Stärkste im Land, ja, er wohl im ganzen Lande, im Unglück selbst dem Tod zu Trotz noch Herr und Meister, der Bravste, lebt er im Angedenken der kleinen Everl. Die Kinder des jungen Weibes, die Enkel des Mütterchens, sie werden zu erzählen wissen von dem Müllerssohn zu Langendorf.


Der Föhrndorfer Briefbote war ein alter Mann und betrieb sein Amt mit Verstand. Er sichtete genau die ihm anvertrauten Briefschaften, ehe er sie in seine Ledertasche steckte, nicht nur nach ihren Adressen, denn das verstand sich ja von selbst, daß er seinen alten Beinen kein unnötiges Gelaufe zumutete und alles hübsch ordnete, wie es der Straße und der Nummer nach lag, sondern er unterschied sie auch ihrer Art nach. Postkarten händigte er ohne Bedenken den auf der Straße spielenden Kindern der Adressaten ein, denn die Postkarte galt ihm als der „Arme Leut’-Brief“ und wo die Kunden mit dem Porto sparten, da durfte es wohl auch der Bote mit den Schritten so halten. Dagegen verabsäumte er nie, einen rechtschaffen frankierten und ordentlich geschlossenen Brief den Leuten selbst ins Haus zu tragen und — seine zwei Kreuzer Botengebühr in Empfang zu nehmen. Aber auch da unterschied er zwischen den nur zugeklebten und den mit einem Siegel versehenen Schreiben, die ersteren nahm er für leichte Ware, die kamen von fremd woher, waren Allerweltsbriefe; wer Wichtiges und obendrein an die Freund- oder Verwandtschaft zu schreiben hatte, der sparte wohl die paar Tropfen Lack nicht und drückte sein Petschaft darauf, dann wirkten schon außen die bekannten Wappen oder Buchstaben des Siegels wie ein Gruß und auch die Farbe des Lackes hatte ihre Bedeutung. An dem Tage, wo der Alte vom Posthause wegging, den Langendorfer Brief an „Magdalena Reindorfer, bedienstet bei Kaspar Engert, genannt der Grasbodenbauer“ in der Tasche, bewahrte er Weges über eine ernste, besorgliche Miene, denn er hatte es wohl in acht genommen, daß das Schreiben ein schwarzes Siegel trug.

Die ersten paar Tage nach dem Feste des heiligen Kirchenpatrons waren der Grasbodenbauer und Magdalene einander geflissentlich über die Wege gelaufen und hatten mehr als einmal versucht, gleichmütigerweise eine harmlose Zwiesprach’ anzuknüpfen, denn es galt ja zu zeigen, daß es zwischen ihnen beiden kein’ Arg habe; klopfte sich aber der Bauer unter seiner Rede auf den Brustlatz, an welchem die Dirne jenen Abend mit dem Köpfchen geruht hatte, da wurde sie so brennendrot wie das Tuch und ihr Blick scheu, und das verwirrte den Bauer, oder wenn sie im Eifer des Gespräches ihm so nahe trat, daß er, um nicht an sie zu rühren, die Arme hinter sich bergen mußte, da wurde er verlegen und sie mit ihm. Nach jeder solchen vergeckten Begegnung dauerte es immer längere und längere Zeit, bis sie sich wieder aufsuchten, dann begannen sie sich auszuweichen und manch zufälliges Zusammentreffen, das sie wortlos einander gegenüberstehen ließ, machte die Sache nicht besser, so daß schließlich das Erscheinen eines genügte, um das andere in die Flucht zu jagen. In Gegenwart eines Dritten aber fühlten sie sich vollkommen unbefangen. „Es ist eine Dummheit,“ ärgerten sich beide im stillen.

„Und eine höllmentische dazu,“ sagte laut der Bauer, etwa am sechsten Tage der „verlegenen“ Woche. „Weil wir uns scheuen, das Red’ zu haben, was wir uns eigentlich zu sagen hätten und worüber wir sich ausreden sollten.“

Er stand im Hofe an dem Gartenzaune, hinter welchem er, wenige Schritte entfernt, Magdalene auf einer Bank sitzen sah. Entschlossen stieß er das Gartentürchen auf und trat ein, aber schon hatte sich über dem Geräusch die Dirne erhoben und schritt jetzt, von ihm abgekehrt, einen Baumgang entlang. Den Weg nach dem Hause hatte er ihr verlegt, und wenn er ihr bis an das andere Ende nachfolgt, wird sie ihm wohl nicht ins freie Feld entlaufen.

Als Magdalene merkte, daß er ihr nachginge, blieb sie, halb abgewendet, stehen.