„Wir sind schon zwei Närrische,“ sagte er herantretend. „Wir mögen uns gut leiden, aber weil wir uns nit sagen wollen, daß’s anders gemeint is, wie sonst wohl unter zwei verschiedene Leut’, und sich jed’s fürcht’, ’s andere könnt’s in der Art ausdeuten und falsch verstehn, so rennen wir ganz unklug umeinander.“
„Da is mir völlig ein Stein vom Herzen,“ sagte sie, „daß du so red’st.“
„Na, und mir wär’ hitzt kein kleiner drauf, wann ich anders g’red’t hätt’, als ich’s mein’,“ lachte der Bauer. „Aber demselben setz’ ich mich nit aus, das wär’, als trät’ mer in ein Fuchseisen und könnt’ ein’ klemmen, daß’s schier z’wider wurd’; lieber bin ich aufrichtig! ’n Weibsleuten gegenüber halt’ wohl mancher, der sonst der Wahrheit nit feind is, a Lug’ für erlaubt, vermutlich weil er denkt, die reden auch gern feine Wort’ durch die Reuter[23] und behalten das Grobe für sich; aber ich hab’ mich mein’ Tag’ nit dazu verstehen können, anders zu sagen, als wie mir ums Herz ist, oder wie mir nicht ist, und seit meiner Bäu’rin Tod — Gott tröst d’ arme Seel’ — hab’ ich mich gehüt’, einer ein gut Wort zu geben, obwohl mir, wie schon der Welt Brauch ist, d’ erste Zeit danach mehr als ein’ Saubere und Wohlhäbige selber freundlich unter d’ Augen ’gangen, oder von andere nahgeruckt worden ist. D’ Leut’ hat’s freilich wunder g’nommen, daß ich, noch in schönsten Monjahr’n, Witiber verbleib’, aber sie hab’n sich’s derweis z’rechtg’legt, ich tät’s der Burgerl wegen; soweit richtig, ’m Kind ein’ Stiefmutter geb’n, is all’weil ein’ gewagte Sach’, denn einer solchen wird all’weil ’s eigene Kind lieber sein wie’s fremde, und dann gar eine ausz’finden, die sich dazu verstanden hätt’, mein arm’ siech’ Hascherl rechtschaffen zu betreu’n — —, ich hab’ nach keiner g’sucht! Aber laß dir sagen!“
Er faßte Magdalene an der Hand und leitete sie ein paar Schritte, dann ließ er sie los und sie gingen nun, nebeneinander her, den Kiesweg auf und nieder.
„Nit allein der Burgerl willen war’s! Mein Gott, wenn einer weibsnarrisch is, so schwätzt sich ihm bald eine hinauf, red’t ihm all seine Bedenken aus, meint’s wohl selber ganz ehrlich dabei und z’letzt nehmen’s gar noch d’ Kinder zur Ausred’, daß’s wieder heiraten müßten z’weg’n dö! Nach der Hand weist sich wohl da und anderswo, ’s Versproch’ne war nur verred’t. Bei mir hat’s in derer Hinsicht kein’ G’fahr g’habt, denn mich hat der Ehstand weibsscheu g’macht. Ja, schau nur wunderig, es is nit anderst. Wann ein’s, so rechn’ ich dich zum Haus g’hörig, ich hab’ dir schon einmal vertraut, wovon zwar alle g’wußt hab’n, aber z’ fürchten war, sie bemengen dir ’s Wahre mit Lug’n, hitzt aber will ich dir anvertrau’n, wo niemand drum weiß, als ich allein, nit mal der doch der Nächste dazu wär’, mein Schwiegervater; d’ andern, die s’ noch ang’gangen is, sein schon aus der Welt. Z’erst hab’n auch nur dieselb’n davon g’wußt, nachtraglich hab’ ich’s erfahren, hätt’s umkehrt sein mög’n, ’s wär’ besser g’west für mich und, denklich, auch für ein anders!
Auf mein’ Vater kann ich mich nit entsinnen, ich war noch z’ klein, wie mir der verstorb’n is, ich kenn’ nur mein’ Mutter; auf die bin ich nit wenig stolz g’west, das war ein groß’, stark’, bildsaub’res Weib, ehrbar und herrisch, geg’n die hat sich keiner mucken dürfen, die hat af’m Grasboden g’haust und g’schafft über ein’ Mann, und d’ Leut’ hab’n ihr nachg’sagt, sie hätt’ auch Verstand wie ein solcher, mag ja sein, is oft wenig g’nug damit g’sagt, g’wiß is, sie wollt’ mit’m Verstand auch in Sachen aufkommen, wobei nie keiner war, so lang d’ Welt steht.
All’s war bei ihr schön g’nau ein’teilt und vorg’sehn af Tag’, Wochen, Monat’, ja af Jahr’ hinaus, sie hat ’n Kalender nit nur der heiligen Zeiten wegen aufblattelt, auch ’s Obstbaumstutzen, Rubenstecken, ’s Kalben der Küh’ und d’ Säumast hat sein afg’merkte Zeit g’habt, und wie endlich dö kämma is, wo ich zun Verheiraten war, durft’ mer’s nit verabsäumen und schon Ordnung halber mußt’ ich auch verheirat’t werd’n.
Natürlich hat sich mein’ Mutter um ein Weib für mich umg’schaut, dagegen wär’ nix z’ machen g’west, wenn ich auch gewollt hätt’, aber von den Dirnen hat mir’s noch keine angetan g’habt und denen gegenüber war ich der Ungeschickt’ und verstund mich nit af das Spaßen, aus dem mer g’legentlich Ernst macht, und so war’s mir nit z’wider, daß d’ Mutter selb’ Sach’ af sich g’nommen hat und ich hab’ all’s Zutrau’n zu ihrer G’scheitheit g’habt. Die hat sich’s Suchen leicht g’macht. Kein’ Arme, G’ringe wär’ ihr nit zu G’sicht g’standen und uns gleich war niemand in der Gegend als in Hinterwalden der Bauer vom Hof auf der weiten Hald’, daß dessen einzig’ Kind just ein’ mannbare Dirn’ war, hat sich mein’ Mutter für ein günstig Zeichen ausdeut’t und die Haldhofbäuerin hat nur recht und billig g’funden, daß kein anderer wie der junge Grasbodenbauer ihr’ Lois heimführt. Gescheite Leut’ halten sich ja in ihr’n Tun wohl gern an g’scheite Sprüch’ und einer von dö g’scheitesten dünkt ihnen: gleich und gleich gesellt sich gern, und da danach g’sell’n’s oft zwei Leut’ z’samm’, dö nit ungleicher sein könnten. Aber wo mal zwei alte Weiber über so was eins sein, da haben’s hundert Kniff’ für ein’, daß ’s zwei so blutjunge Füllen, wie ich und mein’ Weib damal, wenn gleich eins hüst und ’s andere hott will, doch in ein G’schirr spannen!
Wie wir ’m Bauer vom Hof af der weiten Hald unsern ersten B’such g’macht hab’n, da war ich in mein’ Sunntagstaat, kein Stäuberl, kein Falterl, kein Spritzerl von Kopf bis zun Fuß, mein’ Mutter hat während der Fahrt die Aug’ngläser nit von der Nasen ’bracht; d’ Lois aber hat sich im Werktagg’wand betreffen lassen, natürlich, sie mußt’ ja auch gleich als brave Hausnerin belobt werd’n, sie hat aber so ein reinlich und nett’ Ansehn g’habt, daß mer wohl g’merkt hat, die ist auch von ihrer Mutter dazu herausputzt g’west. Allzwei war’n wir wie aus’m Schachterl g’hob’n. Na, unfreundlich konnt’ die Dirn’ mit mir nit sein, das wär’ doch nit gut angangen geg’n ein’ Gast, und so sind wir halt randweis ich von meiner Mutter und sie von der ihren zun Reden ’bracht worden und schließlich hat’s mir ganz gut an ihr g’fall’n, daß ’s nit weniger verlegen g’west is wie ich. Sauber war’s und kein Wunder, wie wir uns zum Abschied d’ Händ’ gereicht hab’n und ich mir sie daraufhin ang’schaut hab’, wie bisher noch kein’ Dirn’: dö könnt’ dein sein, daß mir da mit einmal ganz eigen word’n is!
Na und drauf is daheim kein Tag vergangen, wo nit d’ Mutter in all’m Guten und Schön’ von der Lois g’red’t hätt’, und so, schätz’ ich, wird’s wohl auch d’ Haldhofbäuerin meiner weg’n g’halten haben und wär’ was Wahr’s d’ran, daß ein’, von dem fern wo die Red’ is, der Schnackerl[24] stößt, so müßt’n mer damal allzwei dran z’ Grund ’gangen sein.