Acht Tag’ danach hab’n die von Hinterwalden uns ’n Gegenbesuch g’macht. Da mußt’ ich ’n Hausnerischen vorstell’n, durft’ in Tagwerkg’wand herumstehn, aber beileib’ nit wo Hand anleg’n, daß ich mich nit schmutzig mach’. Dösmal war d’ Lois im Putz und da is ’s mir so schön und lieblich vorkämma, gar keiner Dirn mehr gleich, als ob’s schon ein’ junge Bäu’rin wär’ und d’ säuberste und rarste dazu! Wie ’s g’merkt hat, daß mer der G’fallen an ihr noch mehr d’ Red’ verlegt wie ’s erste Mal, is sie mit eins freundlich und g’sprächig word’n, und nun hab’ ich mich freilich ganz täppig g’fühlt geg’n ihr und manchmal hat mir g’schienen, sie wußt’ wohl auch mehr, als sie Red’ gibt, aber ’s is mir damal schon g’sagt word’n, in den Stücken wär’n d’ Weibsleut’ von klein auf so findig, wie nie unsereiner. Kurz, von Stund’ an war ich so verliebt wie a Marzikater und da ich lauthals ja g’schrie’n hab’ und sie nit nein g’sagt hat, so hat sich in kurzen alles g’schickt. Sechs Wochen drauf hab’ ich’s vom Altar wegg’führt und sie hat dabei g’weint wie nit g’scheit. D’ Leut’, die neb’ng’standen sein, hab’n wohl g’sagt: A weinende Braut, a lachet’s Weib, und wie jede weinen tät’, denn von Eltern weg ein’m Fremden zugehn, wär’ a schwerer Schritt, und ’s tat sich nit allein um’s Abg’wöhnen, sondern auch um’s Ang’wöhnen handeln, und was der’ Reden mehr sein, ich aber hab’ mich gleich nit recht dreinfinden können; wann mer freudig mit ein’m geht, is doch kein Anlaß zum Weinen, und geht mer unfreudig, so lieber nit. Und seither, wann ich eine seh’ plärrend aus der Kirch’ weggehn, denk’ ich mir mein Teil.

So hab’ ich denn mein’ Bäu’rin af’m Hof sitzen g’habt und dö mich af ihrer Kittelfalten, denn d’ erst’ Zeit hab’ ich g’meint, der Tag langt nit für das, was ich ihr Lieb’s, Gut’s und Schön’s sag’n und erweisen möcht’. Sie hat mir’s aber nit in Gleichem heim’zahlt, oft hat’s mich von ihr wegg’schob’n oder gar gehn g’heißen; ich aber hab’s der Scheu zug’schrieb’n, die man ja auch ’n Weibsleuten nachsagt, oder ihrer Wirtschaftlichkeit, der z’folg sie mich lieber an der Arbeit hätt’ sehn mög’n, denn freilich, Schöntun bringt nichts herein. Na, dadrauf hin hab’ ich g’meint, es stünd’ mir auch nimmer an, daß ich ’n Aufdringlichen mach’, oder mich zur Arbeit mahnen lass’, und war nit mehr so zutatig, wie ’m Anfang, doch is mein’ Lieb kein Bissel minder g’west, nur deren Bezeigen halt. Na, aber jetzt schau, kaum hat sie g’merkt, daß ich mich änder’ — wobei ich doch ’glaubt hab’, daß ihr’s z’ G’fallen g’schieht —, so verdrießt’s dös nit wenig, sie is sich auch nit gleich ’blieb’n, und war’s früher z’wider, so is’s von Stund’ an wild g’west. Na, dadrein konnt’ ich mich wieder nit schicken. Zum Sackra h’nein, tu’ ich so, is’s nit recht und anders auch nit, und Mann und Weib war’n wir einmal, dös kann doch ’s eine nit wie aus Gnad’ sein und verlangen, daß sich’s andere eine draus machen müßt’! Freilich, anfangs, wie mein’ Bäu’rin ang’hob’n hat, mir mit ung’schliff’ne Wörter zuz’steig’n, da hab’ ich die still hing’nommen. Aber man denkt nit, wie ein Weib beharrlich is und was ’s all’s aufwend’t, um ein’ Mann in Gunst oder Ungunst zum Reden z’ bringen, da laßt keine locker, bis er in Gutem oder Bösem laut h’rausbellt; es muß ihnen ornd’lich leichter g’schehn, wenn’s ein’ so oder so, aus Lieb’ z’ ihnen oder aus Ärger über sö, ganz unb’sinnt machen, ob mer ihnen Schön’s oder Schiech’s sagt, aber g’sagt’ muß’s werd’n, h’raus muß’s, hör’n woll’n sie’s! Na, und da hat mich halt die meine schließlich auch dazu ’bracht, daß ich ihr Red’ gib, und d’ Wartlerei is angangen. ’n Tag über hat sie sich g’scheut, — der Leut’ wegen! O, ich sollt’ noch mehr hören, was der Leut’ wegen g’schehn und unterblieb’n is! Aber nachts haben wir g’stritten, manchmal bis zum ersten Hahn’nschrei, und war ihr’s erst drum z’ tun, daß ich aufbegehr’, so war ihr’s jetzt, daß sie mich niederkriegt. Na, da hat’s mir denn in einer Nacht auf’n Kopf zu g’sagt — worüber mir wohl der Atem ausg’blieben is und ich g’meint hab’, ’s Herz müßt’ mir mit einmal still stehn, — daß sie ihrseits niemal a Lieb’ zu mir g’habt hätt’, noch haben könnt’, daß s’ mit Herz und Sinn ein’m andern zug’tan war, ein’m armen Hauerssohn nah’ von ihr’m Ort, zu dem sie sich noch ’n selben Abend vor unserm Hochzeitstag g’flücht’ hätt’, bis dö zwei alten Weiber, d’ ihr’ Mutter und d’ mein’, sie mit G’walt von dort heimg’holt hätten. Natürlich hab’n dö Alten dasselbe Stückl nie laut werden lassen, der Leut’ wegen, und d’ Hochzeit durft’ ’n Morgen drauf nit unterbleiben, auch der Leut’ wegen!

Versteh’ mich recht, Leni, ich sag’ nit, es hätt’ a Unehrbarigkeit zwischen den Zweien stattg’funden, dazu war d’ Lois a zu stolze Dirn’, ob sie aber auch als Bäuerin stolz verblieben wär’, das weiß nur der liebe Gott allein! Der Bursch’ is bald dran zun Militär abg’stellt word’n, mußt’ ins Feld rucken und is verschollen. Vor er aber ’gangen is, wußt’ er meiner Bäuerin ein’ Abschiedsbrief zuz’stecken, und denselben hat’s mir z’letzt noch fletschmäulig als Trumpf unter die Augen g’ruckt; af’m Herzen hat’s den Wisch liegen g’habt, worunter s’ z’ selb’n Zeit mein Kind ’tragen hat, denn sie ist just damal mit der Burgerl schwanger ’gangen.

Wahrhaftig’n Gott, ich brauch mich nit z’schamen, wenn ich’s sag’, da hab’ ich mich hinumg’wend’t, das G’sicht in die Pölster druckt und zun Weinen ang’hebt wie ein Kind. Das hat’s wohl stutzig g’macht, nach einer Weil’ hör’ ich’s auch schluchzen, mir hat’s gleich ’golten, sie hätt’ ebenso gut lachen und sich freuen mögen. Vermutlich hat sie ’s Eing’ständnis g’reut, daß d’ Haldbauer-Lois auch auf ein’ Bub’n ein Aug g’habt hätt’; mit einmal beugt sie sich über mich und sagt mit ein’m Maul, wie d’ Katz’ Milch leckt: „Kaspar, ’s is ja alles nit wahr!“ Daß ich sie da nit von mir g’stoßen, mich nit an ihr vergriffen hab’, davor hat mich nur d’ himmlische Gnad’ bewahrt, die mich ihr’n Zustand nit hat vergessen lassen.“

Bisher war der Bauer mit ziemlich raschen Schritten laut sprechend und lebhaft gestikulierend, den Kiesweg entlang auf und nieder geschritten, jetzt hielt er plötzlich inne und schöpfte tief Atem, ehe er mit gedämpfter Stimme fortfuhr:

„Magst dir wohl denken, was wir von derselben Nacht ab für ein Leben geführt haben? Schön- und falschtuerisch vor ’n Leuten, stumm, trutz’ und ärgerlich, wo wir allein verkehrt haben. Und doch sind Tag’ g’west, wo d’ Bäuerin auch unter vier Augen von ein’m Bezeigen geg’n mich war, als säh’ s’ ihr Unrecht an mir ein, und fing’ an, es aufrichtig mit mir z’ meinen. Da hab’ ich oft gedacht, sollt’st doch ’s Vergangene vergessen, ’s is ja all’s nur ein Unsinn. Heut und morgen geht dir nah, mit ’m gestern quält sich eins nur selber. ’s wär’ nit dumm g’west und nach dem Sprüchel hätt’ ein Bruder Lüderian lustig in Tag h’nein leben können; aber mir war’s nit gegeben, daß ich mich änder’ wie meiner Bäu’rin nit, daß sie sich gleichbleibt, denn fort drauf hat’s ihr’n alt’n Widerwill’n hervorkehrt. Ich konnt’ und ich konnt’ kein Herz fassen zu dem Weib, trau überhaupt seither kein’m mehr und hüt’ mich vorm Verlieb’n; man is da so unb’sinnt und wo dabei sich jed’s nur selber betrügt, geht’s noch am ehrlichsten zu. Und wenn ich mir auch an ihrer Bahr’, ihr’n plötzlichen Tod eingedenk — Gott tröst’ sie — gedacht hab’, sie war wohl all ihr Lebtag nit recht g’sund und hat mich an ihrer Krankheit mitleiden lassen, so mußt’ ich mir doch sagen, wie ich Umschau g’halten hab’, und dafür waren mer d’ Augen g’schärft, sie war ein Weib wie hundert andere, nit einmal die schlechteste, allweil noch von der Art, wie ihrer volle zwölf aufs Dutzend kommen.

Und wozu all’m verstund sie sich? Ein’ lieb’n und der Verkuppelei mit ein’m andern, den s’ nit mag, in d’ Hand arbeiten! Dem ein’ auf G’fahr von Ehr’ und Ruf zulaufen und doch ’n Morgen drauf mit’m andern vorn Altar gehn! Solang ’s Reden noch von Nutz und ’m Brautwerber geg’nüber rechtschaffen, brav und ehrlich g’west wär’, ’s Maul halten und ’s hinterher erst aus Gift, Gall’ und Abgunst geg’n ’n Mann auftun, wo ’s nur Schimpf und Zwietracht ins Haus bringt! Ein’m in Gedanken ang’hör’n und sich ’m andern hingeb’n, so daß der Seg’n Gottes zum G’spött wird und sie von ein’m Unlieb’n ein Kind unterm Herzen tragt!

Herr, du mein Gott! Wozu versteht sich denn dann ein Weib nit, wenn zu dem allem?!

Und was ’s auch für Stückeln angibt, ’s tragt eine wie die andere gleich lange Haar, und wo die nit reichen, stecken s’ ein’ falschen Zopf auf, — und dieselben Haar waren mir eben zu fein. Zu der Art, der d’ Lieb’ Spaß macht und Spaß bleibt, die sich unb’sinnt z’samm’tut und auseinand’ geht, zähl’ ich nit, mir war’s damit von Grund auf ernsthaftig g’west und ich hab’ für mein Teil sattsam an dem Erlebten g’nug g’habt, wollt’s nit erproben, was sich etwa ein zweit’s Mal gegen ’s frühere bessert oder schlechtert. Dös wußt’ ich doch, daß mein Hof der Kuppler is und daß s’ dem zulaufen, aber einer, die denkt wie ich, der müßt’ so himmelangst ums Herz werd’n, daß s’ mir vom selben davonrennt. Ich vermein’ nit, daß ich auf selbe triff und vermöcht’s auch nit z’sag’n, ob ich d’Kurasche hätt’, daß ich sie z’ruckhalt’.“

Gegen Ende seiner Rede war der Grasbodenbauer stehen geblieben und hatte in das Grün einer Baumkrone gestarrt, jetzt, wo er die letzten Worte vor sich hinmurmelte, ließ er den Zweig, den er anfaßte und der unter seinem Griffe entblätterte, aus der Hand schnellen.