Er zog es zurück. „Und zwei Kreuzer krieg’ ich. Weißt, Dirn’, davon muß ich leb’n.“

Das Mädchen haschte mit zitternder Hand die Münzen aus der Rocktasche, nahm den Brief, und als es allein war, erbrach es hastig das Siegel, entfaltete das Papier und begann zu lesen.

Und als sie zu Ende gekommen, da setzte sie sich auf den Rasen und schlug die Hände vor das Gesicht und schluchzte darunter.

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Tot — allbeid’ tot! Weggestorben an einem Tage!

Ja, die Mutter, die war bejahrt und mocht’ wohl auch kein’ rechte Freud’ mehr am Leben haben, nach dem, was die arme Seel’ auf ihr g’habt hat. Und jetzt ist sie erlöst und man kann, ohne ein Unrecht geg’n den Vater, wieder lieb und gut von ihr denken!

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„Der Herr schenk’ ihr und allen christgläubigen Seelen die ewige Ruh’ und das ewige Licht leuchte ihnen. Der Herr lasse sie ruhen in Frieden. Amen!“

Leni faltete die Hände und versuchte das Vaterunser zu sprechen, doch wie sie so dasaß mit gesenkten Lidern, da war es mit einmal, als schiene Mondlicht und von ganz nahe wehe der Geruch von Weißdornblüte heran. —

Bisher hatte sie alle Erinnerungen an ihre erste Liebe wacker niedergekämpft. Während Florian sich nicht darein zu finden vermochte, daß er sein Glück um eine Schwester verlor, waren bei ihr, nachdem sie ihn als Bruder wußte und nahm, alle anderen Gefühle wie ausgelöscht, alle Liebe, außer der geschwisterlichen, gegenstandslos geworden; aber nun der Bruder tot war, erwachten die Erinnerungen mit aller Macht und zogen in lebendigen Bildern vor ihrem Geiste vorüber, von den ersten Begegnungen in der Kindheit bis zu jener Vollmondnacht, wo sie den Zweig vom blühenden Weißdorn brach, und der letzten, wo der Dorn des verblühten sie am Kleide festhielt.