„Du zitterst ja am ganzen Leib. Es geht dir wohl nah, es geht dir wohl gar nah, merk’ ich. Burgerl führ’ s’ nach eurer Kammer. Wein dich aus, Dirn’, wein dich nur recht aus, es tut nichts besser in solcher Sach’, wie sich ausweinen.“
Er sah den langsam Hinwegschreitenden eine Weile gedankenvoll nach, dann nickte er vor sich hin.
„Freilich! So ’n grundbrave Dirn’ und so ’n wilder Bub’!“
Er glaubte nun alles zu wissen.
19.
Gar vereinsamt fühlten sie sich auf der Mühle zu Langendorf. Wochen waren vergangen. Der erste stürmische Schmerz, der auf die Herzen der Hinterbliebenen preßt, als wollte er auch diese stille stehen machen, war einer tiefen Wehmut gewichen, die aus allem, was an den Verstorbenen erinnern konnte, ihre Nahrung sog und mit Heißhunger immer nach neuen Gegenständen suchte, die seine Erscheinung, wie leibhaft und lebend, ins Gedächtnis zu rufen vermöchten.
Da hatte denn die Müllerin eines Abends mit dem Müller ein längeres Gespräch. „Wirst sehen,“ sagte er am Schlusse, „es wird nicht so, wie du denkst, du stellst es dir nur anders vor.“ Und sie entgegnete: „Es tät’ mich halt doch trösten und freuen, es wär’ doch etwas ihm Gleiches.“ Da sprach der Müller nichts mehr und am nächsten Morgen früh machte er sich auf. Von dem jungen Reindorfer hatte er sich sagen lassen, wo und bei wem dessen Schwester bedienstet sei. Er bestieg sein Wägelchen und ließ das Pferd bedächtig einher traben, einigemal griff er nach dem Zügel und fuhr im Schritt, er hatte es nicht eilig, an Ort und Stelle zu kommen.
In der Kreisstadt stellte er sein Fuhrwerk bei einem befreundeten Wirte ein. Beide kannten sich von ihren wildesten Burschenjahren her und hatten später als Soldaten in einem Regimente gedient. Als der Müller mit dem ehemaligen Kameraden, der um all seine Jugendstreiche und Soldatenstückchen wußte, in der Stube an dem Tische saß und ein Krug Wein um den andern zur Ehr’ der Begegnung und Erinnerung an vergangene lustige Tage geleert wurde, da ward er gesprächig; von den Bildern einer tollen Vergangenheit, über die Gegenwart, die ihn bedrückte, hinweg, spann er einen Faden nach einer behäbigen Zukunft, wo er wieder mit Weib und Kind in seinem Heim säße.
Bei der Erinnerung an die verstorbene Reindorferin schmunzelte der Wirt. „Hast mir’s ja erzählt, wie d’ damal vom Urlaub wieder eingerückt bist.“
Der Müller nickte und sprach eifrig weiter.