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Die Müllerin fragte ihn bei seiner Rückkehr nicht, was er ausgerichtet, und eine Zeit darauf sagten die Leute: „Dem Müller merkt man’s wohl an, ihn freut’s nimmer.“

20.

War die erste Mahnung an die Heimat, unter welcher Magdalenens Herz schmerzhaft zusammenzuckte, wie ein plötzlicher rauher Riß, der die kaum verharschte Wunde aufs neue bloßlegte, so war die zweite — die Begegnung von dorther — brutal, aber heilend wie ein chirurgischer Eingriff, der sie wieder schloß. Jene waren tot, vor deren Begegnen, selbst in ihren Gedanken und Träumen, sie sich ängstigte, weil ein Wirrsal zwiespältiger Gefühle auf sie einstürzte, jetzt konnte sie mit ihnen in wehmutreicher Erinnerung verkehren und ihnen jedes liebende Anrecht auf sich einräumen, desto schroffer mußte sie den Anspruch auf ein solches von seiten des Müllers zurückweisen, dem sie immer ferngestanden hatte und dem nahezustehen sie sich nicht denken konnte, ohne daß er ihr all dies Erinnern und Empfinden verderbte und befleckte.

Wenn eine Wunde verharscht, dann bleibt freilich eine Narbe, aber wie man die körperlichen danach beurteilt, ob sie durch ein Gebrest entstanden, oder von persönlichem Mute zeugen, so auch die seelischen, und nicht nur jenen, die im Schlachtgewühl der Gefahr trotzten, auch den tapfern Seelen, die mutig im Kampfe des Lebens sich bewährten, stehen Narben schön.

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Seit auf dem Grasbodenhof der Bauer und Magdalene wußten, „daß sie einander nichts wollten“, hatten sie bei jeder Gelegenheit, die sich schickte, die sie nicht suchten, noch ihr auswichen, einen freundlichen Gruß, oder ein kurzes, munteres Wort. Gleich nach der entscheidenden Auseinandersetzung meinte der Bauer ein rechtes Einsehen zu haben, indem er es vermied, fürder mit der Dirn’ und Burgerl allein auf seiner Stube zu mahlzeiten; er führte die alte Sitte wieder ein und aß gemeinsam mit dem Gesinde in der unteren Stube. Da, wenn alle durcheinander schwatzten, ließ er sich auch in ein halblaut geführtes Gespräch mit Leni ein, wobei es oft geschah, daß beide plötzlich aufhorchten, sich allein reden hörten und aller Augen auf sich gerichtet sahen, dann verstummten sie und wurden verlegen und wußten nicht warum, und die halbblöde Traudel schlug dann jed’mal ein Gelächter auf. Das war dumm. Sie gaben sich daher bei Tisch und vor dem Gesinde nur Gruß und kurze Reden und versparten die rechte Ansprache für unter sich, und sie redeten sich so gut und leicht, während sie im Garten den Baumgang auf und nieder schritten. Freilich hätten sie merken können, daß, seit sie außerm Gesicht des Gesindes sprachen, dieses damit hinter ihrem Rücken anhob, aber sie hatten es nicht acht, wenn sie plötzlich in irgendeiner Ecke auf ein Paar stießen, das bei ihrer Annäherung mit einmal im Texte nicht weiter wußte.

So schritten sie denn über den Kiesweg dahin und es begannen unter ihren Füßen die welken Blätter zu rascheln und vom Rasen hingen die bereiften, dürren Halme nieder und dann starrten die nackten, kahlen Äste über ihnen, die Schneeflocken fielen und die weiße, flaumige Decke behielt die Fußstapfen auf.

Der Weihnachtsabend kam und der Bauer stellte sich bei Magdalenen mit Geschenken ein, über welche das ganze Gesinde kopfschüttelte. „Alles was recht is! Was eines verdient und sich zu ihm schickt, das soll ihm vergönnt sein; aber hat er der Dirn’ nit ein Sonntagsspenzer und obendrein ’s Zeug zu ein’ Rock h’naufgenötingt, wie ihn rundum schöner und reicher kein’ Bäu’rin tragt?“

Am Morgen nach der heiligen Nacht, als außen die Morgensonne über dem glitzernden Schnee aufstieg und das Herdfeuer in der Küche prasselte, sagte die alte Sepherl, indem sie sich bückte und einige Reiser auflas, ohne zur Angeredeten aufzublicken: „Na, Leni, du kannst wohl mit deiner Christbescher z’frieden sein.“