Kaspar sah den Alten mit großen Augen an und verhielt den Atem, doch spielte ihm um die Mundwinkel ein verstohlenes Lächeln. Wenn Reindorfer sich auf einen Scherz was zugute tat, so brachte er ihn mit zusammengezogenen Brauen und zwinkernden Augen vor, und wenn er eine ernste Rede besonders bekräftigen wollte, so schlug er mit der Rechten, drei Finger offen und zwei eingeknickt, einen ganz kurzen Auftakt. Das beides hatte Kaspar auch manchmal an Leni bemerkt und das machte ihn nun schmunzeln, dann aber nickte er ernst und sagte: „Du denkst rechtschaffen, wie nit bald einer.“
Eine Magd kam erhitzt herbeigelaufen und schrie: „Bauer, kommen sollst, abgehst ihnen!“
„Gleich komm’ ich.“ Er erhob sich langsam und sagte zu Kaspar: „Willst vielleicht mit h’nein, die Brautleut’ anschau’n und dich ihnen zeigen?“
„Aufrichtig, Reindorfer, wann dir nit dran g’legen is, so unterließ’ ich’s lieber.“
„Mir liegt gar nit daran, es ist zwar mein leiblicher Sohn, von dem ich’s sag’, aber es ist nit gut mit ihm umz’gehen. Wenn die Mahlzeit vorüber sein wird, schreib’ ich ein’ Brief an die Leni und bring’ auch gleich meine Einwilligung zu Papier, ich möcht’ gerne, daß d’ allbeides mit dir nehmen und damit aufweisen kannst, du wärst hier gewesen und nit unverrichteter Sache weggegangen.“
„No, heut, an dein’m Sohn sein’ Ehrn’ntag, wirst wohl kaum Zeit und Ruh’ dazu finden.“
Der Alte schüttelte den Kopf. „Mir ist’s ein Tag wie ein anderer; gut, wenn ich mich seiner nit noch einmal übel erinnern muß! Daß ich’s dir nur sag’, die Leni, die ist mir das Liebste von meinen Kinder, die andern ... hebst nit viel Ehr’ mit der Verwandtschaft auf, Grasbodenbauer, besser, du halt’st s’ von dir fern.“
Kaspar faßte teilnehmend seine Hand. „Du red’st von dein’ eigenen Kindern!“
„Von meinen eigenen. Es mag am End’ doch leichter sein, fremde zu erziehen, an denen einem das Gute weniger Freud’ und das Schlimme mehr Unlust macht. Bei meinen eigenen Kindern hab’ ich’s verfehlt, soll noch was Rechtes aus ihnen werden, muß jetzt Schicksalshärte statt Vatershärte über sie; ich hab’ g’meint, die brauchten keine besondere Nachhilf’, um nach uns, nach den Eltern zu arten, nun zeigen sie ein trutziges, verstocktes Wesen, nehmen, was ich für sie tu’, nicht anders, als müßt’ es sein und haben kein Herz dafür, — kein Herz!“ Er sah eine Weile stumm zu Boden, einmal schnupfte er auf, dann hob er den Kopf und sprach in gleichem Tone wie zuvor weiter zu Kaspar: „Es ist mir recht unlieb, daß d’ gerade heut hast kommen müssen, mitten in den Wirrwarr hinein, wo man dir nit die geringste Ehr’ antun kann, wo d’ bei uns keine Unterkunft find’st, ja nit einmal Roß und Wagen einstellen kannst, da schon welche frei im Hofe herumstehen müssen. Ich denk’, das Gescheiteste muß sein, du laßt dich nach dem Gemeind’wirtshaus fahren und verhalt’st dich dort. Ich werd’ schon hinkommen und dir das Versprochene bringen; so brauchst nimmer her in das Getös und Gesäus.“
„Was fallt dir ein, Reindorfer? Was d’ so freundlich warst, mir z’ versprechen, das werd’ ich mir abholen; ich werd’ doch dich alten Mann nit hinter mir jungen herlaufen lassen!“