Auch die Melzer Sepherl war eine aufrechte Bäuerin geworden und Florian befand sich in einem gewaltigen Irrtume, als er damals meinte, die Geschichte zwischen dem Reindorferhofe und der Mühle möchte sich wiederholen, das hätte sie nicht, wenn er gleich am Leben geblieben wäre, so wenig als irgendeine andere Geschichte, mit der Vergangenheit war glatt abgeschlossen. Wie letztzeit die Dirne nur auf ihre Zukunft bedacht war, so ist es nun auch die neue Bäuerin, und mag sich Ruh’ und Fried’ nicht „irgend so einer Dummheit wegen“ selbst verleiden, sie sitzt viel zu breit und angenehm auf dem Hofe, als daß sie sich Feuer unter den Stuhl legen möchte; ob sie nicht breiter säße, als anderen lieb wäre und wie sich die dabei und daneben befänden, das machte ihr allerdings geringe Sorge.
Die neue Reindorferin ließ es sich angelegen sein, allen im Orte und auf dem Hofe zu zeigen, daß sie sich trefflich in ihre Stellung und für die Wirtschaft schicke, und da ihr wohl bewußt war, das dürfte von einigen angezweifelt werden, so tat sie ein übriges, fuhr vom Morgen bis zum Abend in Haus, Hof, Feld und Garten herum und schalt und belferte hinter dem Gesinde her. Leopold war mit ihrer „Schneid“ recht zufrieden und versprach sich davon alles Gedeihen; der alte Reindorfer aber meinte, das wär’ nur für den Anfang, entweder wird man selber Scheltens müde und lernte man auch jeden Tag einem Fuhrknechte einen neuen Fluch ab, oder das Gesinde gewöhnt’s, tut trotzdem wenig und das Wenige noch mit Unwill’ und über die Hand.[32] Er war überhaupt auf seine Schnur nicht gut zu sprechen, und das gedrangsalte Gesinde versagte sich’s nicht, um die Bäuerin zu ärgern, derselben seine Äußerungen in das Gesicht zu wiederholen, diese wurde daher auch gegen ihn immer gehässiger und ließ sich ein über das andere Mal verlauten: „Früher hat mich der Alte auf dem Hofe nicht haben wollen, jetzt mag ich ihn nicht, er tut kein gut darauf, und nimmt ihn nicht bald der Herrgott zu sich, so beiz’ ich ihn wohl noch aus!“
Das hinterbrachten die Dienstleute wieder dem alten Bauer, nur, damit er sich „fürsehen“ könne, eigentlich aber, weil sie ein Vergnügen daran fanden, die beiden aneinander zu hetzen und bei einem immerwährenden Streite derselben selbst ein wenig Luft zu kriegen hofften, da hatten sie aber die Rechnung ohne den jungen Bauer gemacht.
Es mochten etwa neun Wochen in schönstem Unfrieden auf dem Hofe vergangen sein, da bekam der alte Reindorfer von Föhrndorf einen Brief. Es hatte ihn zuvor an drei Sonntagen erfreut, dem Aufgebote Magdalenens, versprochenermaßen, recht andächtig zuzuhorchen, nun lud ihn das Schreiben zu deren Ehrentag, aber Leopold und sein Weib waren dagegen und er sagte ab; ein zweites Schreiben lief ein, das ihn aufs neue aufforderte, doch ja zu kommen, aber seine Leute bestanden darauf, daß er wegbleibe.
„Hätt’ mer ahnen können,“ sagte Sepherl zu ihm, „was für ein Glück der Leni bevorsteht, so hätten wir sie auch auf unsern Ehr’ntag geladen; doch der Verstoß wär’ just rechtzeit’ wieder gutz’machen g’west, durch ein freundlich Begegnen mit dem reichen Schwager, aber mit dem mußt’st du ja hinterrücks verhandeln und ihn von uns abreden. Es is ledig dein’ Schuld, daß mer uns nit mitkommen heißt und nur nach dir verlangt.“
„Allein aber,“ nahm Leopold die Rede auf, „das wirst einsehen, kann man dich nit gehn lassen; du bist alt und gebrechlich und der Weg is weit, wer weiß, was dir zustoßen könnt’!“
„Und überhaupt,“ fuhr die Bäuerin dazwischen, „es ziemt sich gar nit, daß du dich an einem Tisch breit machst, an dem zu sitzen man uns für z’ g’ring acht’t! Z’samm’g’hörig sein wir doch!“
Hoffentlich war die Besorgtheit des Sohnes ebenso aufrichtig wie der Verdruß der Schwiegertochter, indes ließ sich beides auch ganz gut vorschützen, um den Alten nicht fortzulassen, denn fürs erste sollte er denen zu Föhrndorf nicht weiß Gott was vorklagen, denn bei seinem krittlichen Wesen vermerkt er gar nicht, wie unverdient gut es ihm eigentlich erginge, und fürs zweite war das die beste schicksame Gelegenheit, ihm einmal zu zeigen, wer Herr sei auf dem Reindorferhofe.
Er fügte sich und blieb, nun ja, zum Hofe gehörte er einmal und da durfte er es mit den jeweiligen Leuten darauf nicht verderben, nicht anders wäre es, hätte er ihn verkauft und sich sein Stüblein und den dürftigen Unterhalt ausbedungen; daß es aber nicht anders war, obgleich er ihn nicht verkauft, sondern an seinen Sohn und dessen Weib übergeben hatte, das schmerzte ihn, und daß man ihm die größte der wenigen Freuden, die ihm noch zu erwarten standen, versagte, das verbitterte ihm die Seele.
An dem Tage, wo zu Föhrndorf die Trauung stattfand, war der alte Reindorfer nach dem Garten gegangen und hatte von den Blumenbeeten einen mächtigen Strauß zusammengelesen, mit diesem setzte er sich an den Tisch in der Laube und hielt ihn in den gefalteten Händen; als er dachte, es möchte um die Zeit sein, wo sie dort weit in der Ferne die Ringe wechseln, da legte er den „Buschen“ leise und behutsam an die Stelle, wo Magdalene damals gesessen, als sie von ihm Abschied nahm.