Der Wagen hielt und als der Alte sich herabgeholfen hatte, sagte er störrisch: „Ich steig’ nimmer auf, tu’ was du willst, ich steig’ nimmer auf, weiter fahr’ ich nimmer, nein: magst nur wieder heimkehren.“

„Dasselbe werd’ ich auch tun,“ sagte lachend der Knecht, „auf die Seel’ gebunden bist du mir ja nicht. Behüt Gott!“ Er lenkte um und fuhr davon.

Der Alte aber bog in den mitteren Graben ein und ging des Weges, bis er zu dem Strauche gelangte, von wo aus man den Reindorferhof sehen konnte, ohne selbst gesehen zu werden, da hielt er an und blickte nach demselben, die Augen wurden ihm feucht.

„O du mein Hof, du mein lieber Hof,“ sagte er, „du Fleck, worauf ich geboren bin und hingehör’, bis ich wegsterb’! Gegen all meine Vorvordern, die auf dir gehaust haben, bis man sie hinweggetragen hat, werd’ doch ich keine Ausnahm’ machen? Ich kehr’ zurück zu dir, ich kehr’ zurück, so hart es mich auch ankommen mag; auf dir sein ist mein Recht, was können sie mir auch viel anhaben?“

Er trat aus dem Busch, blieb aber plötzlich stehen und hob die Hände.

„O du armer Hof, wenn ich mir gleich mein Leben verleiden und mein Sterben verbittern ließ’, wer weiß, verstürb’ ich noch in einer von deinen Stuben?! Der erste Reindorfer hat dich auch nicht am Buckel mit auf die Welt gebracht, der mußte ans Erwerben denken und der jetzige ans Verlieren. Deine Bäuerin stiehlt ja! Sie stiehlt, das hab’ ich wohl aus ihrem hellwütigen Zorn entnommen von wegen der Spargroschen, sie stiehlt und entzieht es der Wirtschaft, wenn die sich neigt, wird sie ihr fürs erste mit dem Gestohlenen aushelfen und gar vermeinen, gestohlen wäre gewirtet, das wird so noch ein und das andere Mal sein, bis es nichts mehr zu stehlen und nichts mehr aufzuhelfen gibt; und ich sollt’ nebst all bitterm Gallentrank noch das gebrannte Herzleid in mich hinabschlucken, daß ich dich so langsam versiechen säh’? Nein, nein, lieber geh’ ich gleich betteln!“

Er mußte auf dem Hofe bemerkt worden sein, denn der Bauer und die Bäuerin traten auf die Straße heraus und sahen nach ihm, sie winkten nicht, sondern schienen zu erwarten, daß er herankomme, als er sich aber nicht vom Flecke rührte, sah er die Sepherl lachend sich inmitten des Weges stellen und Gebärden machen, als wolle sie ihn wie einen Hund locken, was sie dazu rief, konnte er nicht vernehmen, daneben stand sein Sohn und er wehrte ihr nicht, — da winkte der Alte mit der Hand nach dem Hofe, was diesem allein galt, wandte sich hastig ab und ging eilig den Weg zurück, den er gekommen.

„Ihr Hofverderber ihr,“ murmelte er. „Meint ihr, ich müsse nun gar schon kommen, wenn ihr: schön herein da! sagt? Ich nicht, ewig nicht. Jetzt geh’ ich just betteln! Hofverderber!“

Er schlug die Straße nach der Kreisstadt ein. Es war ein heller, sonnenklarer Tag, aber er merkte nichts davon, er sah vor sich auf den Weg, und wo etwa ein Käfer kroch, da setzte er den Fuß seitwärts, um ihn nicht zu zertreten. „Unziefer? — Unziefer? Daß er leben will, ist alles! Kann er dafür, daß, wo er anfrißt, nichts mehr gedeiht, was andere fressen wollen? Geh auf die Seit’, geh auf die Seit’, sperr’ mir nicht den Weg, ich man fort, weit fort, hin wo mich niemand kennt, sonst möcht’ mir keiner was geben und alle täten mich auf meine Kinder verweisen ...“

Als er sie erwähnte, die seine Stütze hätten sein sollen, die kein Wort fanden, keine Hand frei hatten, um ihn zurückzuhalten, und ihn ziehen ließen, ihn, der nun müden Körpers und wirren Gedankens sich seiner ganzen Hilflosigkeit bewußt wurde, da schluchzte er laut auf, aber mit tränenden Augen hastete er auf dem Wege vorwärts, er fand es nunmehr leicht, zu Fremden seine Hände bittend zu erheben, die können nicht so arg an ihm tun, wie seine eigenen Kinder, und wie hätten die wohl an ihm gehandelt, wenn er geblieben wäre? Ihn erfaßte eine Furcht vor denselben; nur um von ihnen möglichst ferne zu gelangen, setzte er seine letzten Kräfte ein — er taumelte — über ihm schattete es in der Luft —, er prallte gegen den Stamm eines Baumes, den er mit beiden Armen umgriff und sich daran aufrecht hielt. Lange stand er dort, zitternd und nach Atem ringend.