„Nit bild’ dir so was ein und sinn’ ihm nach. Ich versteh’ wohl wie d’ drauf verfallst, das ausgestand’ne Herzleid, der harte Weg, deine Jahr’ ... Aber mach dir keine unb’schaffenen Gedanken. Überschlaf’s! Wirst sehn, morgen is ’s, wann gleich nit ganz gut, so doch besser wie heut.“ Er strich die Decke glatt, die der Alte herabgewühlt hatte. „Gute Nacht, Vater Reindorfer.“

Der lag nun allein. Er hörte, wie sie außen auf den Zehenspitzen sich wegschlichen, und er unterschied die bekannte liebe, tiefe Stimme, die sagte: „Es wird ihm doch nix sein?“

„Der Schandfleck,“ murmelte er, „der Schandfleck? Tut er’s sein? Heb’ ich nit mit ihm die größte Ehr’ auf? — Nein, nein, bist mein frisch grün Ehrenpreis! — Wenn ich denk’, du wärest gar niemal, es möcht’ mir völlig leid tun, — sonderlich, nun weiß man gar nimmer, wie man wünschen soll. Und wenn sie jetzt gar nit auf der Welt wär’, wer stünd’ mir bei in mein’ Elend, vielleicht bald in meiner letzten Not? Kein mitleidig Seel’ hätt’ ich! — Das konnt’ ich mir nit denken, wie sie ’s erstemal als kleinwinzig Ding mir in’ Arm g’legt worden ist. Konnt’s nit denken, wie ich s’ als g’ring Menscherl und als Dirn’ streng g’halten hab’, daß ein Tag käm’, an dem sich’s mir heimzahlt. Und da ist der Tag, der heutig’. — Allwegen g’schieht nichts um nichts.“

Nach und nach verfiel er in einen unruhigen Halbschlummer, in dem er die ganze Nacht über dahinlag. Etliche Male war ihm, als ob jemand die Türe sacht öffnete, mit leisen Schritten sich heranschliche und über ihn beugte. Es war auch so, sie kamen nachts, eines um das andere, nachzusehen. Die Gestalt, die er zuletzt beim Morgengrauen deutlicher wahrgenommen, sah er jetzt, da er den Kopf nach dem Fenster wandte, dort sitzen; es war Burgerl.

Dann kamen der Bauer und die Bäuerin, ihm noch einmal „nachschauen“, eh’ sie aufs Feld gingen, denn es war trabige[33] Zeit, die letzten Feld-, Wiesen- und Gartenbestellungen des Jahres. Sie boten ihm guten Morgen. Auf die Frage, wie er sich fühle, wiederholte er nur das Wort: müd’, müd’. Sie empfahlen der Burgerl, ja recht auf ihn zu sehen und gingen. Der Bauer aber entschloß sich, trotz bei der vielen Arbeit Not an Mann war, den Heiner nach der Kreisstadt fahren zu lassen, damit er einen Arzt mitbringe; der würde wohl in viel kürzerer Zeit, als sich das von selbst gäbe, dem Vater wieder zu Kräften verhelfen, dieser war ja nur müd’, — müd’.

Außen am Himmel zogen graue Wolken dahin, dahinter blitzte für Augenblicke die Sonne hervor. Der Kranke lag still und stumm. Das Mädchen am Fenster strickte emsig. Stunde um Stunde verrann.

Mittags war es wieder lebendig auf dem Hofe. Kaspar und Leni kamen herauf. Der Alte wies jede Nahrung zurück. Besorgt entfernten sich die beiden. Aber noch heut in der Nacht, spätestens morgen in aller Früh’ wird der Doktor zur Stell’ sein.

Bald lag der Hof wieder verlassen. Von dem Gesinde blieb niemand zurück als die alte Sepherl, die unten in der Küche auf einem Schemel einnickte. Oben in der Stube war Burgerl bis zum Abende mit dem Kranken allein. Manchmal klang ferne von der Straße ein einzelner Kinderschrei herauf. Der Wind, der noch immer schwere Wolken vor sich herjagte, fuhr zeitweilig mit einem heftigen Prall gegen die Fenster, danach hielt er den Atem ein und das Mädchen tat es ihm nach, dann ward es beängstigend stille und das Gemach lag wie weltverloren.

Plötzlich versuchte der Kranke sich mit beiden Ellbögen emporzustemmen. „Dirndel“, sagte er mit Anstrengung, „geh du fort. Schick’ ein ander’s. Ich weiß nit, wie mir wird. Meine Gedanken werden roglich[34], in mein’ Kopf fangt’s zun bildern an. Geh — was jetzt etwa g’schieht — anschau’n — taugt dir nit.“

Burgerl hatte sich jäh vom Sitz erhoben und starrte nach ihm hin. Nur das namenlose Entsetzen, das sie erfaßte und ihr das Herz wild, bis zum Halse hinauf, schlagen machte, erstickte den grellen Aufschrei, der ihr schon in der Kehle saß.