Nachdem Burgerl die Türe des Sterbezimmers geschlossen, suchte sie aus einer Lade ein Gebetbuch hervor und blätterte darin nach den Gebeten für die Verstorbenen.

„Aber Burgerl, du wirst doch nit wirklich da beim Toten bleiben wollen?“ fragte erstaunt die alte Sepherl.

„Ich werd’ bleiben.“

Burgerl setzte sich zu Häupten und Sepherl an das Fußende des Bettes und beide begannen gemeinsam zu beten. Das Mädchen las die Gebete mit halblauter Stimme, die alte Magd murmelte sie Wort für Wort aus dem Gedächtnisse. Die beiden Stimmen, die helle gedämpft und die tiefe klanglos, erfüllten den kleinen Raum mit einem schwirrenden Gesumme, das bei Stellen dringender Anrufung und kräftiger Bitte sich etwa um einen Ton erhöhte, aber immer gleichförmig und einschläfernd fortwährte.

Burgerl ermüdete zuerst und ließ die Hand mit dem Buche in den Schoß sinken, bald aber machte die vollkommene Stille, die eingetreten war, sie aufblicken und sie sah Sepherl, die eine Weile eifrig allein weiter gebetet hatte, schlummernd sitzen. Sie weckte sie nicht.

Sie war mit dem Toten allein.

Er lag wie in tiefem Schlafe.

Sie rührte leise mit einem Finger an seine Hände, die waren kalt und starr.

Gestern noch weh und freudig bewegt, müde gehetzt vom Herzleid, der Freude gegenüber wie ein verschüchtertes Kind, das, vom Weihnachtsbaum geblendet, sich nicht zuzulangen traut, heut über Leid und Freud’ hinweg!

Alle Böswilligkeit der Welt würde umsonst an dem Bettschragen rütteln, auf dem er da liegt, die rauhen Hände über der eingesunkenen Brust gefaltet.