Es war die erste Regung besseren Gefühles, der erste Keim der Saat, welche der alte Müller mit sterbender Hand gestreut hatte, und es war wohl auch das rechte Bewußtsein, das er mit sich hinübernahm!

In den Aufschreibungen der Pfarre, welche die Geschicke der Gemeinde als Abnahme und Zuwachs, und die des einzelnen Geburt, Heirat und Tod in fortlaufender Einförmigkeit aufbehielten, verzeichnete der Pfarrer die Geburt eines Mädchens, Tochter des Joseph Reindorfer und dessen Ehefrau Rosalia, welches in der heiligen Taufe den Namen Magdalena erhielt, und den Tod des Matthias Herlinger, Müller im sogenannten Wasser-Graben hierorts. Eine geraume Zeit verstrich, Schnee lag über den Hügeln und lastete schwer auf den Tannen und das Jahr war zur Neige gegangen, als des Namens Herlinger in dem Kirchenbuche noch einmal Erwähnung geschah, woselbst zu lesen stand: daß der neue Müller im Wasser-Graben, Florian Weninger, vulgo „Herlinger Florian“, — denn das Volk hielt sich an die Vaterschaftserklärung des verstorbenen Müllers, — und Aloisia Kaufmann, in der Haupt- und Residenzstadt wohnhaft, als Brautleute an hiesiger Pfarrstelle um das dreimalige kirchliche Aufgebot nachgesucht und sich darauf auch über die in der Stadt eingegangene Ehe durch legalen Trauschein ausgewiesen hätten.

4.

Auf dem Reindorferhofe wuchs die kleine Magdalena heran. Seit dieses Kind Wartung und Pflege heischte, meinte der Bauer für die anderen ein übriges tun zu müssen, er war gegen die Fehler derselben nicht mehr so strenge, sah ihnen manche Nachlässigkeit nach, gestattete ihnen mehr Freiheit, ja, er bereitete ihnen wohl auch manchmal eine kleine Freude, griff in seine Tasche und gab der Dirne auf Bänder und Tücher, dem Burschen auf Bier und Tabak, sowie für manche Kirchweih die Musikantengroschen.

Warum sollte er ihnen das Leben schwer machen? Etwas mußten sie doch vor dem anderen Kinde voraus haben, meinte er, das war nur recht und billig.

Der junge Leopold Reindorfer und seine Schwester Elisabeth waren es höchlich zufrieden und auch sie schrieben das geänderte Verhalten des Vaters gegen sie dem Kinde zu.

„Weil das Kleine einmal da ist,“ sagte der Leopold, „so hat es auch sein Gutes, seit der Vater so ein unnütz’ Maul auf dem Hofe hat, sieht er doch mehr auf die, die ihr Essen auch verdienen.“

Elisabeth fühlte sogar zu der unschuldigen Ursache dieser Änderung der Verhältnisse einige Neigung und nahm sich hie und da der kleinen Schwester an. Sie war die einzige, die sich etwas mit dem Kinde abgab. Auch sie, nicht die Mutter war es, welche das Kind den Bauer als „Vater“ ansprechen lehrte.

Wie viel Zeit verging bis dahin? Für kleine Leute bleibt die Welt immer auf einem Flecke stehen. Sie merken nicht, daß sich in ihr etwas ändert, weil sie ja auch nicht verspüren, wie sie sich selbst ändern. Welche Zeit? Fragt das die Kinder, die sich dort spielend in der Sonne tummeln.

Es war ein kleiner Junge mit großen braunen Augen, aus denen zu sehen ihn fast das Haar verhinderte, das in dichten schwarzen Ringeln ihm über die Stirne fiel, ein Hemd und ein Höschen, mit einem Träger querüber festgehalten, bildete seine ganze Bekleidung, ebenso barfuß wie er war seine Gespielin, die nur über ein grobes Hemdchen einen für ihre kleine Person etwas zu langen Rock trug und unter blondem wirren Haar auch mit braunen Augen in die Welt lugte. —