Er versuchte es. Warum er sein Weib nicht mit dem Kinde gehen ließ? Es war doch spaßhaft, gerade als wüßte das Kind etwas und könnte es ausplaudern; aber es war doch recht, und es sollte ihm vom Hause bleiben, die großen braunen Augen hatten ihn so verwirrt gemacht und waren auch seinem Weibe aufgefallen! Pah, es laufen wohl mehrere herum, von denen er nicht weiß, — — eben, wenn man von nichts weiß und von nichts wissen will! Als Herumstreicher ist man glücklicher!
Dir sollst das noch einmal sagen, Müller! Eines Tages wirst du es sagen, aber es wird nicht im Gefühle des Unbehagens sein, in dem du jetzt mißmutig den Kopf mit den aufgestemmten Armen stützest, nicht im Gefühle, Opfer und Frucht deines Leichtsinnes in beängstigender Nähe vor Augen zu haben und mit lahmen Armen stumm zusehen zu müssen, wohin es führt; du wirst es sagen in ganz anderen Gefühlen, und was dir bisher ausstand, das Mitleid, es soll dir werden!
Als die Elisabeth vom Reindorferhofe wegheiratete, was war das für ein schöner Tag für die kleine Leni, was gab es da alles zu schauen und zu — essen! Weit, gar weit fuhr man mit den Wagen über Land, und wie schön die Schwester angezogen war, und wie die Musikanten aufspielten und die Leute dazu tanzten, wie ganz anders war das alles, als zu Hause!
Aber ihr wollte doch schier das Herz brechen, als die ganze Herrlichkeit ein so trauriges Ende nahm, als sie hörte, die Schwester bliebe für immer dort, sogar weit weg von ihr. Das Kind war nicht zu beruhigen, bis ihm Elisabeth versprach, sie käme den nächsten Tag und dann alle Tage nachschauen, wie es ihr erginge. Arme Leni, es sollte ja doch nur beim Versprechen bleiben.
Wohl gab sich von da an die Mutter mehr mit ihr ab; aber die Schwester war das doch nicht; obwohl die Reindorferin ihre natürlichen Gefühle nie verleugnete, sie wäre sich doch dadurch nur noch strafbarer erschienen, so hatte sie doch eine Art Scheu vor dem Kinde und das erweckte in demselben das gleiche Gefühl.
Nur einen Freund hatte die kleine Leni noch am Hofe, dem sie sich rückhaltslos anvertrauen konnte, der alles so ernst oder so lustig aufnahm, wie sie es selbst meinte, und das war der alte Sultan. O, er hätte auch gerne noch mit ihr gespielt, aber sie wußte ja, er war so krank, und da besuchte sie ihn oft auf seinem Stroh und jedesmal bezeigte er seine Freude darüber. Aber eines Tages da war er so unruhig und stöhnte und winselte und warf sich herum, und sie fragte ihn: „Sultl, was hast du denn?“ Aber er schien sie gar nicht zu bemerken, und so saß sie denn ganz betrübt an seiner Hütte und wenn er sich das Stroh zur Seite gewälzt hatte, so breitete sie es ihm wieder unter. Und am andern Morgen da fand man den Sultl tot; der Bauer ließ ihn durch einen Knecht in dem Garten verscharren, und der schleifte ihn auf dem Wege hinter sich her, daß der Kopf an den Steinen aufschlug, Leni schrie laut und faßte mit beiden Händen nach ihrem eigenen Köpfchen, und der Knecht mußte warten, bis sie ihre Schürze dem Hunde übergebunden hatte, dann folgte sie ihm weinend und sah zu, wie er eine Grube schaufelte und den Sultan hineinlegte und die Erde darüber flach trat.
Danach ging der Knecht wieder mit dem Spaten fort und sie blieb allein an der Stelle zurück. Da vor ihr unter der Erde lag der Sultan, und draußen stand seine Hütte leer und das Stroh lag zerwühlt. Wem sollte sie es nun sagen, wenn sie sich auf Mittag oder sonst freute? Wem, wenn sie Schläge fürchtete oder bekommen hatte? Und wenn sie sich wieder an einem großen Dorne ritzt, da leckt er ihr nimmer das Blut weg. O, der arme, gute Sultl!
Man hatte sie gelehrt, das Abendgebet, wenn sie es einmal gesprochen hatte, noch einmal zu wiederholen, da galt es dann für Vater, Mutter und Geschwister und „alle, die sie lieb hatte“. In ihrem ratlosen Schmerze faltete sie auch jetzt die Händchen und betete, alles, was man sie gelehrt hatte, das Morgen-, Tisch- und Abendgebet für — den Sultl.
Dann trocknete sie sich die Augen und ging beruhigter zurück nach dem Hofe.