Von da an bekam der Bauer viel zu hören, auch manches, das ihm neu war, denn sie lehrten jetzt die Kinder ganz anders, als wie ehemal. Aus Neugierde holte er oft das Mädchen über manches Nähere aus, und ihn wunderte, wie es alles so gut begriffen hatte und so richtig aufbehielt.
Bald aber wurde ihm jedesmal ganz weh zumute, wenn er das Kind sich so bemühen sah, ihm zu gefallen, denn seine Elisabeth hatte seit Jahr und Tag nicht mehr nach ihren Eltern gefragt und der Leopold, den er immer so gut gehalten, der meinte, das wäre das wenigste gewesen, ein Vater könne wohl mehr tun; der Bursche hatte sich in eine Dirne vergafft und wollte nun, je eher, je lieber, sein eigener Herr sein. So wußte denn der alte Mann, er war seiner Tochter gleichgültig und seinem Sohne im Wege.
Dafür war zu Anfang auch die kleine Magdalena mit dem alten Reindorfer nicht zufrieden, andere Kinder sagten, wenn sie ihre Sache recht brav gemacht hätten, dann spielten ihre Eltern mit ihnen oder schenkten ihnen wohl Sonntags darauf einen Butterweck oder sonst irgendeinen begehrlichen Gegenstand, aber auf derartiges hoffte sie ganz vergebens; später kam er ihr gar „ernsthaftig“ vor, wie der Herr Pfarrer und der Lehrer, die auch immer etwas zu fragen oder auszusagen wußten, und da verlangte sie nach keinem Spiel und nach keinem Geschenke mehr und tat sich gerade darauf was zugute, daß er sie nicht wie ein Kind behandelte, ... auch nicht wie das seine, das fühlte ja der kleine Gernegroß in seinem kindischen Stolze noch nicht.
5.
Wenn Liebe etwas stark geradezu geht, so ist ihr ebenso zu mißtrauen, wie wenn sie auf krummen Wegen schleicht. Der junge Reindorfer wäre vollauf berechtigt gewesen, an die Gründung eines eigenen Hausstandes zu denken, in etlichen Monaten hatte er sein dreißigstes Jahr erreicht, aber eben die Plötzlichkeit seines Entschlusses und der Gegenstand seiner Neigung machten den Alten vorsichtig.
Leopold hatte seine militärische Dienstzeit hinter sich, sie wurde ihm leicht erträglich, denn sie fiel gerade in gesegnete Jahre, und der Mangel an Feldarbeitern veranlaßte die Kriegsbehörde zu zahlreichen Beurlaubungen, mit vielen andern wurde auch er auf einige Zeit den Seinen wieder zurückgegeben.
Später hatte er nur noch die Verpflichtung, als Landwehrmann zu den jährlichen Übungen einzurücken.
Als Bauernbursche hatte er nie Empfänglichkeit für die Dorfschönheiten gezeigt, auch unter seinen militärischen Genossen, denen doch die Langeweile und die schmale Verpflegung den Umgang mit einem weiblichen Wesen, das in einem anständigen Hause kocht, so wünschenswert erscheinen ließ, hatte er sich von dieser Schwäche rein erhalten.
Als er aber von der vorjährigen Waffenübung heimgekehrt war, da öffnete er plötzlich sein Herz der Liebe; dieselbe hatte sich seiner Eitelkeit als einer allzu willigen Pförtnerin bedient. Auch Bauernbursche erliegen dieser allgemein menschlichen Schwäche. Wie nach einem gegenseitigen, stillschweigenden Übereinkommen hatte sich bisher um den Reindorfer Leopold, der sich um keine Dirne Mühe gab, auch keine derselben gekümmert, als es aber nun eine übernahm, ihn darüber aufzuklären, daß er mit allen Eigenschaften ausgestattet sei, sie glücklich zu machen, warum sollte er dieser schmeichelhaften Versicherung keinen Glauben schenken und sich böswilligerweise seiner Bestimmung entziehen?
Diejenige, welche den jungen Reindorfer also umgewandelt hatte, hieß Josepha Melzer und bewohnte mit ihrer Mutter das kleinste und baufälligste Häuschen im Orte, außer diesem konnte die alte „Melzerin“ dereinstens ihrer Tochter nichts hinterlassen, als einen ebenso übelbewahrten Ruf, dessen übrigens die Josepha gar nicht bedürftig war, denn sie hatte sich schon aus eigenen Mitteln die Beischaffung eines solchen angelegen sein lassen.