Auch der Busch in der Nähe des Reindorferhofes hatte schon längere Zeit nicht mehr Tag um Tag den Zuspruch des langaufgeschossenen Jungen und des spaßhaft hageren Mädchens, welche sonst immer mit ihren Schulsäcken des Weges daherkamen. Beide waren der Schule entwachsen und das Mädchen wohl auch den Kinderschuhen, denn es war völlig stark geworden und verglich sich im stillen schon mit den anderen Dirnen des Ortes.
Jetzt sahen sich die beiden jungen Leute nur noch Sonntags in der Kirche, und nur manchmal, wenn ihre Eltern von der nachmittägigen Christenlehre wegblieben, konnten sie die gewohnte Strecke Weges miteinander gehen; aber nunmehr fühlten sie sich schon etwas selbständiger, vergaßen ganz — wie die Welt schon undankbar ist — den alten, getreuen Busch und gingen achtlos an ihm vorüber.
Und so kam es, daß sie einmal vor dem Reindorferhofe Abschied nahmen, als der Bauer gerade an dem Tore lehnte. Der Florian tat gewaltig unbefangen und redete sich ein, daß er sich gar kein wenig fürchte, er ging auch ganz bedächtig an dem Alten vorüber und grüßte ihn, freilich von der andern Seite der Straße, dafür klang es aber auch um so lauter.
„Das ist des Müllers Florian, mit dem du da gegangen bist?“ fragte Reindorfer das Mädchen.
„Ja, Vater,“ sagte dieses.
„Ich hab’ nicht leiden mögen, daß du mit ihm gehst, wie du noch ein Kind warst, mußt dich jetzt auch nicht zu ihm halten; glaub nur, ich hab’ meine Ursachen, und tu fein gehorchen.“
„Aber Vater,“ lachte das Mädel, „ich wüßt’ wirklich nicht, was das könnt’ für einen Schaden bringen, wenn er neben einem herlauft.“
„Wissen tu’ ich es just auch nicht, aber wie geht das Sprichwort von der Mücke? Wenn sie in das Kerzenlicht fliegt, sagt sie: Ah, da herum ist es schön warm! Und wenn sie dann im Schmeer klebt: O, da hilft kein Zappeln! Nun, ich habe dir’s gesagt, daran halte dich, und laß mir nicht merken, daß du auf meine Reden nichts gibst!“
Die sonntägliche Christenlehre bestand darin, daß nachmittags, geraume Zeit vor dem Segen, der Pfarrer die Kanzel bestieg und durch einen kleinen Vortrag die Leute über Gebräuche und Glaubenssätze der Kirche belehrte, das geschah jahraus jahrein für die älteren Leute, damit sie nichts vergessen, und für die jüngeren, daß sie zulernen möchten. Es vergingen viele Sonntage, ohne daß Magdalena in Versuchung kommen konnte, das Gebot des alten Reindorfer zu übertreten, denn dieser fand sich jetzt immer bei jeder Christenlehre ein, fühlte er sich etwa schwach in den Glaubensartikeln? Wohl möglich, der Mann war alt, da will das Gedächtnis nicht mehr alles so ohne Umstände herausgeben, es merkt, der Umsatz von außen wird schwächer, da hält es seine Laden geschlossen und seinen Vorrat beisammen, gerade als stünde bald eine andere Verwendung bevor.
Aber Magdalena dachte bei sich: Ich weiß, der Vater könnte die Leute all das so gut von der Kanzel herab lehren, wie der Herr Pfarrer selbst. Was tut er nur jetzt so oft in der Christenlehre?