So saßen denn der Greis und das junge, blühende Mädchen beisammen in der warmen Stube. Das ganze Gehöft lag so ruhig im Sonnenschein, in dem der frisch gefallene Schnee glänzte, die Zaunpfähle hatten jeder eine weiße Haube auf, etliche Sperlinge flatterten an die Fenster und pickten an die kleinen Scheiben.
„Wenn es dir recht ist, Vater,“ sagte das Mädchen, „so lese ich uns etwas aus der Bibel vor.“
„Hast recht, Leni, lese das heutige Evangelium.“
Magdalene hatte das Buch geholt. „Mußt nicht böse sein, Vater,“ sagte sie und drückte das Köpfchen tief in die aufgeschlagenen Blätter, „aber ich möchte gerne ein anderes.“
„Nun ist auch recht, such dir etwas aus.“
Da begann das Mädchen und las das 15. Kapitel des Evangelisten Lukas, das Gleichnis vom verlorenen Sohne.
Als sie geendet hatte, sagte der Alte: „Ist eine schöne Geschichte, eine rechte Vergleichung der Gottesliebe im Himmel mit der Elternliebe auf Erden; geschieht unsereinem auch hart, wenn ein Kind just auf das Trebernfressen so erpicht ist, wie der Leopold. Hat dir das vielleicht seinetwegen für heute gepaßt?“
„Nein, Vater, sondern weil ich dich hab’ fragen wollen, wenn ich von dir fort wär’ und käm’ wieder, ob du wohl auch Freude hättest?“
Der Bauer schüttelte den Kopf. „Bist gescheit? Wohin fort solltest du auch kommen?“
Die Dirne langte mit beiden runden Ärmchen über den Tisch nach den welken Händen des alten Mannes und drückte sie zwischen den ihren. „Schau, Vater,“ sagte sie, „Schand’ möcht’ ich dir um alle Welt keine machen, aber nach Not und Elend fragte ich nicht, wenn du mich dafür möchtest auch ein bißchen liebhaben!“