„Gute Nacht, Mutter!“

Die Wöchnerin war allein — und sie sollte auch allein bleiben.

Nach dem Abendessen und geschehener Danksagung bedeutete Reindorfer die Magd, sie möge in der Küche schlafen, daß sie zur Hand sei, wenn etwa der Bäuerin nachts etwas zustoßen sollte, er meine aber, Ruhe sei ihr vor allem vonnöten, und darum geh’ er heute mit seinen Kindern auf den Dachboden schlafen.

Noch friedlicher als er im Tageslichte gelegen, lag nun der Hof im Mondenschimmer, denn auch seine Einwohner ruhten; der Schlaf hielt sie in seinem Banne, den Sinnen — durch die aller Reiz und alle Regung, all’ Lust und Leid ihren Einzug halten — räumte er schmeichelnd die Wirklichkeit hinweg, wie eine Mutter spielmüden Kindern das Spielzeug, und während wir oft, wenn wir über die arme Frist unseres Daseins erbangen, ihn kindisch anklagen, als ob er sie unterbräche und uns davon wegnähme, teilt er von Tag auf Tag die Last des Lebens; trage sie einer, sei Schmerz oder Wonne ihr Druck, in einem Stücke, wie gar zu bald erläge er.

Geräusch ist sonst ein ohnmächtiger Feind, aber wenn sich Unruhe im Innern des Schläfers mit ihm verbündet, dann verscheucht es den Schlaf.

Fuhr nicht ein Wagen eilig an dem Hause vorbei? die Leute darauf mußten eine Laterne mit sich haben, denn ein Lichtschein streifte die Tücher, womit die Fenster verhangen waren.

Die Reindorferin ermunterte sich, sie horchte auf — wie stille war alles — sie war gewohnt, dort von der Ecke her die regelmäßigen Atemzüge ihres Mannes zu hören, nun gewahrte sie in dunklen Umrissen das unberührte Lager, sie tastete neben sich, da stand die Wiege und in derselben lag das Kind, ohne Laut und Regung; war es Furcht oder Hoffnung, was sie mit zitternder Hand nach dem kleinen Körper langen machte? Sie fühlte Wärme und verspürte den leisen Atem. Sie zog hastig den Arm unter die Decke, war es Widerwille oder Freude, was sie empfand? Wußte sie es? — Und in ratlosem Unwillen über sich selbst und alles, wie es gekommen war und noch drohend ausstand, drückte sie heftig das Gesicht in die Polster, und ihre Augen wurden feucht. Weinte sie über sich oder über das Kind? Wie unschuldig das auch war, konnte sie je ein Herz zu ihm fassen? denn auch sie wird es, solange es lebte, vermahnen, denn auch für sie, die Mutter, verbleibt es, wie es der Bauer genannt, ein Schandfleck!

2.

Der Wagen, der an dem Hofe Reindorfers vorübergefahren, hielt vor der Mühle im Wasser-Graben. Der Knecht war einem Geistlichen, welcher Chorhemd und Stola trug, beim Absteigen behilflich, und dieser zog dabei das Ziborium vorsichtig an sich, damit ihm der Knecht nicht ungeschickterweise nach demselben tappe. Der Kirchendiener, welcher eine Laterne mit sich führte, kletterte, durch dieselbe wohl etwas behindert, aber doch ungefährdet an der rückwärtigen Seite des Fuhrwerkes herab und leuchtete voran, als sie in den Hausflur traten, wo das Gesinde versammelt war. Ein Glöckchen schrillte, die Anwesenden knieten nieder, der Priester erteilte ihnen den Segen und trat dann in die Stube zu dem todkranken Müller. An dessen Lager wachte eine alte Magd, sie erhob sich und küßte dem Geistlichen die Hand.

„So viel unbußfertig ist er halt, Hochwürden,“ flüsterte sie mit einer bedauernden Gebärde nach dem Kranken, „so viel unbußfertig.“