Er hätte wohl auch gerne gewußt, was die andern gesagt haben, aber er hatte Scheu zu fragen und Furcht gefragt zu werden.
Er kramte unter den Papieren auf seinem Schreibtische, er vertiefte sich darein und hatte zu rechnen.
Die Müllerin verließ kopfschüttelnd die Stube, sie wollte nach ihrem Sohne sehen, den Burschen aber hatte dasselbe Gefühl, von dem sie jetzt befallen wurde, nicht mehr an Ort und Stelle gelitten.
Er merkte wohl, daß ihr das Lachen nicht vom Herzen kam, und daß sie ihm nicht Rede stehen wollte. Als sie von ihm gegangen war, überkam ihn eine Unruhe.
„Da ist nicht alles richtig!“
Das sagte er und ging vom Hofe hinweg hinaus in das Freie. Ihn verlangte, von einer Höhe herabzusehen nach der Mühle, im Hause meistert einen die Sorge, vielleicht sieht er auch die klein unter sich liegen, wenn er da oben ein groß’ Stück der lieben, weiten Welt vor sich hat und sich in ihr fühlt! Vielleicht geht er durch das Tannenwäldchen und kehrt damit der Mühle und aller Sorge den Rücken, fände er da drüben ...
Vielleicht!
11.
Reindorfer war, nachdem er die Stube verlassen hatte, nach dem Garten gegangen. Da saß er in der Laube, in der er vor achtzehn Jahren gesessen hatte.
„Es ist mir herzleid um die Dirn’,“ sagte er, „und wenn ich die Alte betrachte und seh’, daß sie hinfälliger ist wie ich, da mag ich mich wohl über die Zeit hinaus denken, wo ich ihr anders hab’ gut sein können, als irgend wem auf Gottes Erdboden; sie hat wenig Gutes gehabt auf der Welt, und da überkommt es manchmal den Menschen, daß er glaubt, er möcht’ sich einmal am Unerlaubten schadlos halten und es kommt ihm dann in schwerer Folge heim. Freilich wär’ besser gewesen, ich hätte das Kind aus dem Hause geben können, aber die Leute hätte das wohl groß wundergenommen und der rechte Grund war nicht auszusagen. Viel weiter als das liebe Vieh hat es der Mensch auch nicht gebracht, nur daß er sich schämen tut, das hat er voraus. So ist sie im Hause verblieben und jetzt wird doch des Verwunderns kein Ende sein, daß man sie dem Burschen nicht gibt! Und man kann doch Geschwister nicht zusammengeben, selbst beim Tier tut das kein gut, der Stamm geht zurück, wie jeder Züchter weiß, und daher ist wohl dem Menschen die Scheu davor gekommen, denn was wider den Zweck geht, das schreckt ihn; das hat er aber auch nur vom Aufmerken und nicht aus sich, denn in allem da rundum ist doch mehr Vernunft, als wir selber in unser Leben hineintun können.“