Wir haben hiermit die Beschreibung der Darstellungen von Nymphaea caerulea erschöpft und kommen nunmehr zu der eigentlichen Aufgabe dieses Abschnitts, die von Nymphaea caerulea abgeleiteten Säulentypen zu bestimmen.
Es muss sogleich vorausgeschickt werden, dass ausgeführte Säulen mit Nymphaea caerulea-Kapitell überhaupt nicht erhalten sind; ein einziges Säulenfragment zeigt unter dem eigentlichen Kapitell eine Verzierung von plastisch nachgebildeten Blüthen und Knospen von Nymphaea caerulea[25], und zwei neuerdings im Arsnuphistempel zu Philae gefundene Säulentrommeln aus Ptolemäischer Zeit[26] zeigen Zwischenstengel mit Blüthen und Knospen von Nymphaea caerulea. Verschiedene Abbildungen lassen jedoch darauf schliessen, dass Säulen mit dem fraglichen Kapitell vorkamen. Und zwar nur Säulen mit offenem Kapitell; mit geschlossenem haben sich bisher noch keine nachweisen lassen. Die Knospe findet höchstens auf den Zwischenstengeln Verwendung.
Die ältesten Säulen mit offenen Nymphaea caerulea-Kapitellen kommen erst im neuen Reiche vor; es sind zwar in Lepsius' Denkmälern einige Kapitelle abgebildet, die man wegen ihrer spitzen Blätter für Nymphaea caerulea halten könnte, jedoch liegt der Verdacht nahe, der auch durch den Vergleich mit den noch vorhandenen Abklatschen bestätigt wird, dass die Publication in diesen Fällen ungenau ist und sich im Originale Nymphaea Lotus-Kapitelle dargestellt finden.
Unter Amenophis II. erscheinen die ersten Beispiele in Gräbern zu Qurna, merkwürdigerweise mit einer sonst nicht vorkommenden Zuthat. Zwischen Kapitell und Abakus ist nämlich eine Platte mit vier Löwen- (s. [Abb. 24]) oder an einer anderen Stelle mit Sperberköpfen eingefügt.[27] Unsere Abbildung stellt wohl wieder eine Bündelsäule mit offenem Kapitell und mit Knospen tragenden Zwischenstengeln vor. Letztere sind, wie wir das bereits bei anderen Darstellungen kennen, neben die Halsbänder anstatt durch dieselben gesteckt abgebildet. Zu bemerken ist, dass die Halsbänder bei diesen Säulen vielfach über einen weiteren Raum vertheilt sind, als bei anderen Arten üblich. Der Schaft ist meist ganz gerade, oft ohne jede Basis, jedoch kommen auch Schäfte mit Schwellung vor ([Abb. 25]), die irrthümlich von Papyrussäulen entnommen sein dürften. Bei dem zuletzt citirten Beispiel tritt uns zum ersten Male eine Eigenthümlichkeit entgegen, die an Säulen aller Gattungen unter der 18. Dynastie, besonders aber unter Amenophis IV. vorkommt: die von den Halsbändern abflatternden, verschiedenfarbigen Bandenden. Nach den Abbildungen, welche uns solche festlich geschmückten Säulen zeigen, lässt sich jedoch die Frage nicht entscheiden, ob diese Bandenden jemals in der eigentlichen Architektur eine Rolle gespielt haben und ob sie etwa in flachem Relief auf den Säulenschäften unter den Halsbändern dargestellt wurden. Nur bei den später zu besprechenden Palmensäulen findet sich Aehnliches, worauf noch unten ([S. 48] u. [49]) zurückzukommen sein wird.