Um so besser sind aber die Beispiele aus dem mittleren Reiche, in welchem unser Typus besonders beliebt gewesen zu sein scheint und auch von den alten Architekten noch ganz verstanden wurde, während später, wie wir sehen werden, das Verständnis dieser Säulenart immer mehr abnahm, so dass endlich aus unseren geschlossenen Papyrusbündelsäulen Gebilde entstanden, die die Kunsthistoriker für Lotusknospensäulen ansehen konnten.

Als klassische Beispiele der zu besprechenden Art können die Granit- und Kalksteinsäulen gelten, welche zu dem Tempel aus der Zeit Amenemhet's III. vor dessen Pyramide bei Hawara gehörten[60] ([Abb. 55]). Acht regelmässig geordnete Stengel, deren Querschnitte nur die Deutung als Papyrus zulassen, wachsen aus der wieder als Erdhügel zu denkenden Basis hervor. An jedem einzelnen Stengel sieht man ein langes, spitzes Fussblatt, das bis über die dickste Stelle des bei Papyrus naturgemäss mit Schwellung versehenen Schaftes emporreicht. Unter dem Kapitell sind die sich verjüngenden Stengel durch fünf Bänder gefasst, über denen sich dann die acht geschlossenen Dolden entwickeln. Jede einzelne Dolde zeigt eines ihrer Kopfblätter, die anderen sind (ebenso wie schon bei den Fussblättern) im Innern der Säule auf der dem Beschauer abgekehrten Seite des Einzelstengels sitzend zu denken. Dass die geschlossenen Dolden im Kapitell denselben dreikantigen Querschnitt haben wie die Stengel am Schafte, ist nicht weiter wunderbar, da die geschlossene, von den Hüllblättern noch ganz umgebene Dolde in der Natur wirklich den Dreiecksquerschnitt aufweist. Der ägyptische Architekt hat die geschlossene Dolde ganz richtig dargestellt, nur hat er sich erlaubt, die Hüllblätter zu kurz wiederzugeben, wie das ja, wie wir bereits oben bemerkt haben, in der Ornamentik auch geschieht.

[Abbildung 55.]

Auf dem Doldenbündel ruht dann der bei allen ägyptischen Säulen übliche, dürftige Abakus.

Wie das schon bei den Nymphaeensäulen zu beobachten war, so scheint auch bei unseren Säulen der Architekt das Gefühl gehabt zu haben, dass die zusammengebundenen Stengel sich nicht in ihrer Lage halten würden, wenn er nicht unter den Halsbändern ihnen eine sichere Packung verschaffte. Deshalb nimmt er auch hier wieder kleine Zwischenstengel und zwar acht Bündel zu je drei Stengeln. Diese werden besonders, im vorliegenden Falle genau wie die Hauptstengel mit fünf Bändern, unter den Dolden zusammengebunden und so hinter die fünf grossen Halsbänder hineingeschoben. Dass diese Zwischenstengel wirklich Papyrus mit Dolden sind, zeigen deutlich die allerdings nur an guten Beispielen vorkommenden Fuss- und Kopfblätter.

[Abbildung 56.]

So muss also eine gute Papyrusbündelsäule mit geschlossenem Dolden-Kapitell aussehen. Viele klare Beispiele[61] davon sind aber leider nicht vorhanden, denn schon im Ende des mittleren Reiches beginnt die allmähliche Veränderung dieser Säulenart; die weiter um sich greifende Verwilderung, die schliesslich die alte Form kaum noch erkennen lässt, tritt allerdings erst im neuen Reiche auf. Zuerst verlieren die Zwischenstengel ihr selbstständiges Profil[62] und bilden zwischen den jetzt auch ohne Kopfblätter auftretenden Hauptstengeln glatte Stücke, auf denen nur die Halsbänder und die vertikalen Trennungen durch schwach eingeritzte Linien angegeben sind ([Abb. 56]). Dann fallen auch diese nur schwach angegebenen Rillen fort, man begnügt sich, die Theilung und die Halsbänder der Zwischenstengel nur aufzumalen. Die Hauptstengel haben jedoch hierbei, wenigstens bei den besseren Beispielen, noch scharfes Papyrusprofil, dessen Kante sich namentlich zwischen den Zwischenstengeln gut markirt.