Die Zeit bald nach dem Ende der 18. Dynastie — vielleicht schon die Periode Amenophis' IV. — bringt bereits durchgreifendere Veränderungen. Von unwesentlichen, rein decorativen Neuerungen abgesehen — wie z. B. das Heraufrücken der Bänder an den Zwischenstengeln[63], die Verzierung der oberen Enden der Zwischenstengel durch Uräen[64], die Schmückung der Schäfte durch angehängte Opfergänse[65], die Auflösung der Dolden des Kapitells in mehrere ganz unverstandene Stengel[66] und ähnliche, wenig nachahmenswerthe phantastische Gebilde, welche ebenso schnell wieder verschwinden, wie sie spontan auftauchten — hiervon also abgesehen, ist als wichtigste Aenderung das Aufgeben der Schaft- und der Kapitelltheilung in acht Stengel zu nennen.
Da auf die Darstellungen, die uns in dieser Zeit bereits völlig — an Schaft und Kapitell — abgedrehte Säulen zeigen[67], wegen der manchmal zweifelhaften Correktheit der Publication nicht viel zu geben ist, so ist es sicherer, das Vorkommen von Bündelsäulen mit Schäften von kreisförmigem Querschnitt erst für die Zeit nach dem Ende der 18. Dynastie anzunehmen. Die nach dieser Zeit zu constatirende Glättung des Schaftes mag sich wohl hauptsächlich auf die Sucht der Aegypter, alles mit Inschriften und bildlichen Darstellungen zu versehen, zurückführen lassen. Auf einem so stark profilirten Säulenschaft, wie der der Papyrusbündelsäule ist, lässt sich nur schwer eine Inschrift setzen[68], daher glättete man den Schaft lieber, ohne auf seine ursprüngliche Structur Rücksicht zu nehmen. Des weiteren ist an dieser Umwandlung wohl die Art der Ausführung der Säulen schuld; dieselben wurden nämlich im Rohbau aus ganz runden Trommeln errichtet und erst später weiter sculpirt. Da mag wohl hin und wieder Eile oder Mangel an Mitteln dazu getrieben haben, die weitere Sculpirung nicht durchzuführen und den Bündelsäulen einen runden Schaft zu belassen.
Nebenher mag hier — da es zur Erklärung einer später zu besprechenden Art der Kapitellbemalung dient — bemerkt werden, dass bei dem zuletzt abgebildeten Beispiel die Halsbänder der Zwischenstengel schon merkwürdig weit nach oben sich erstrecken und für die Entwicklung der Köpfe der Zwischenstengel nur äusserst wenig Raum übrig lassen.
Mit der 19. Dynastie scheinen also die Bündelsäulen zuerst die abgedrehte Form anzunehmen, womit nicht etwa gesagt sein soll, dass sich von da ab keine richtigen Bündelsäulen mehr fänden.[69] Zuerst zeigen sich ganz schüchterne Anfänge. An Säulen aus der Zeit Seti's I. ([Abb. 57]) ist das obere Kapitell-Ende, das aus technischen, hier nicht weiter zu erörternden Gründen mit dem Abakus zusammen aus einem Stücke gearbeitet ist, ohne weitere Aussculpirung der Papyrusform glatt gelassen worden — ob mit voller Absicht oder aus Nachlässigkeit mag dahingestellt bleiben. Zu bemerken ist hier noch, dass die Stengel ihre scharfe Kante nur zwischen den Zwischenstengeln zeigen und sonst rund sind. Die Halsbänder der Zwischenstengel haben sich vermehrt.
Unter demselben König Seti I. kommen aber auch schon neben diesen Säulen mit beginnender, solche mit vollständiger Abdrehung der Stengelprofile vor. Zwei Beispiele davon mögen genügen. Das eine aus Gurna[70] zeigt nur in der äusseren Umrisslinie noch den Anklang an die alte Bündelsäule und hat ausserdem die Zwischenstengel, Halsbänder und dergleichen am oberen Ende des Schaftes und am unteren des Kapitells nur aufgemalt. Sehr eigenthümlich wirken die zwischen den Zwischenstengeln scharfmarkirten Papyrusstengelkanten. Das zweite Beispiel aus Karnak ([Abb. 58]) geht darin sogar noch weiter, indem es nur die Kopfblätter der Hauptstengel spitz zwischen den Bündeln der Zwischenstengel hervorsehen lässt. Verstanden dürfte der alte Architekt diese Dinge wohl kaum noch haben, sonst hätte er wohl seine Reihen von Namensringen mit Uräen, und sonstiges symbolisches Ornament mehr, wie es geschehen ist, der Structur der Säule anzupassen verstanden.