[Abbildung 59.]

A.B.
A) aus Medinet Habu; n. R.;Dynastie 20; Zeit Ramses' III.;nach Berl. Museum Ph. 126.
B) aus Karnak, Chonstempel;n. R.; Dynastie 21; Zeit desHeri-hor; nach Berl. MuseumPh. 106.
Vollständig abgedrehte Papyrus-Bündelsäulen mit geschlossenen Doldenund ganz verwildertem Ornament.

Zum Schlusse dieses Abschnitts wollen wir noch zwei Beispiele von vollständig tollgewordener Bemalung an geschlossenen Papyrusbündelsäulen anführen: zwei Säulen aus den Zeiten Ramses' III. und des Heri-hor ([Abb. 59]). Bei der einen greifen die Zwischenstengel oben über die Kopfblattspitzen der Hauptstengel fort, bei der anderen sind die Halsbänder der Zwischenstengel so oft wiederholt, dass von den Köpfen der Zwischenstengel fast nichts mehr übrig geblieben ist. Ob die Architekten sich dabei überhaupt noch etwas gedacht haben?

Wir haben bisher uns meist nur um das Aussehen unserer Säulen an der kritischen Halsstelle gekümmert und das Uebrige ganz vernachlässigt. Es ist auch darüber nicht viel zu sagen, wenn man nicht etwa die fast selbstverständliche Bemerkung für der Erwähnung werth halten will, dass die Fussblätter bei den abgedrehten Säulen — d. h. nur bei guten Beispielen — neben einander stehen, da sie ja aus den einzelnen Fussblättern der acht Stengel entstanden sind, während die Fussblätter der offenen Papyrussäule sich theilweise überdecken. An diesem Kriterium würde man schon aus dem unteren Ende des Schaftes die Kapitellform errathen können, wenn nicht auch hier wieder die Anordnung der Fussblätter von der einen Säulenart bald auf die andere übertragen worden wäre.

Aus der Spätzeit ist die Papyrusbündelsäule mit geschlossenem Doldenkapitell uns nur in einem Beispiele aus dem Tempel von Medamôt ([Abb. 60]) bekannt. Ausser einigen Veränderungen in den Proportionen giebt dies aber nichts Neues. Sie lehnt sich, selbst bis zu der Behandlung der einzeln stehenden Fussblätter hinab, besser an die älteren, guten Vorbilder an, als dies bei den Beispielen aus der Ramessidenzeit der Fall war.

[Abbildung 60.]

Da die einzelnen geschlossenen Dolden, welche häufig in den Bündelkapitellen der Ptolemäer- und Kaiserzeit auftreten, keine selbstständige Bedeutung haben, so können wir nunmehr zu den Papyrussäulen mit offenem Doldenkapitell übergehen.

[Abbildung 61.]

Bei dieser Säulengattung, die fast ebenso häufig ist, wie die vorher abgehandelte mit geschlossenem Doldenkapitell, scheinen in älterer Zeit nur einfache Säulen vorzukommen, während uns erst die Spätzeit sichere Beispiele von Bündelsäulen bringt. Gerade die ältesten Exemplare sind als einfache Säulen anzusprechen. Es ist dies vornehmlich ein von Petrie in Kahun gefundener etwa 0,5 m langer Säulenstumpf mit Kapitell, aus dem mittleren Reiche stammend ([Abb. 61]). Hier ist die Nachahmung der Natur sogar so weit getrieben, dass selbst der dreikantige Querschnitt des Papyrus genau wiedergegeben ist, trotzdem er für einen Säulenschaft die denkbar ungeeignetste Form bietet. Die offene Dolde ist, wie das ja nach den gemalten und ornamental verwendeten Darstellungen von Papyrus zu erwarten war, massiv dargestellt und hat nichts von der ihr in der Natur eigenen Leichtigkeit. Die Kopf- und Fussblätter, welche dem Papyrus sonst eigenthümlich sind, fehlen hier, wohl nur wegen der Rohheit unseres Beispiels. Zu beachten ist endlich das bei einer einzelnen Dolde eigentlich garnicht anders mögliche Fehlen des Halsbandes. Aber leider giebt es nur zwei sichere derartige Beispiele ohne Halsband[71], beide aus Kahun, ein drittes Exemplar gleicher Provenienz, zeigt bereits das bei einer einfachen Dolde ohne die Annahme einer Entlehnung von Bündelsäulen ganz unerklärliche Band unter dem Kapitell[72], welches bei der ältesten Abbildung einer solchen Säule allerdings wiederum fehlt ([Abb. 62]). An dieser Abbildung ist ersichtlich, dass die Bemalung unserer Säulenart die für Papyrus übliche war: die Dolde grün, die Kopfblätter gelb.