Reconstruktion d. Querschnitts.
Die „Säulen mit offenem Lotus-Kapitell” sind ebenso wie die mit geschlossenem bereits im alten Reich nachzuweisen. Die ältesten ([Abb. 14]) dürften die von Petrie in Isbayda aufgefundenen sein[15]; an diesen verräth aber nur der äussere Contour ihren Zusammenhang mit Nymphaea Lotus — sie mögen unvollendet sein. Durch verhältnissmässig zahlreiche, noch dem alten Reiche entstammende Abbildungen, die uns in verschiedenen Gräbern dieser Zeit erhalten blieben, ist es jedoch möglich, sich ein richtiges Bild von den ältesten offenen Lotus-Säulen zu machen. Ein sehr gutes Beispiel findet sich in Giseh, Grab 16 des Imeri, veröffentlicht in L. D. II, 52. Der Publication nach würde man allerdings kaum eine Blüthe von Nymphaea Lotus in diesem spitzblättrigen Kapitell erkennen, befragt man aber den Abklatsch, nach dem unsere Abbildung gezeichnet ist, so ist die uns bekannte Lotus-Form deutlich wiedergegeben ([Abb. 15]). Aus der wieder einen Erdhügel darstellenden Basis erwachsen vier runde schlanke Stengel in der durch den rekonstruirten Querschnitt angegebenen Anordnung.[16] Auf den Stengeln sitzt die geöffnete Blüthe mit richtigem Halbkreiscontour und den oben abgerundeten Blättern, die bis zur oberen Begrenzung des Kapitells gehen; unter der Blume sitzt ein merkwürdiger Ansatz, den man jedoch nicht etwa für den Fruchtboden ansehen darf; derselbe stellt vielmehr die „Halsbänder” dar. Die Zwischenstengel fehlen bei diesem Beispiel. Sie scheinen jedoch bei einem anderen, gleichfalls aus Giseh, Grab 89 des Sechem-ke-re' (Dyn. 5, L. D. II, 41b) stammenden vorhanden zu sein.[17] Aus dem Vorkommen der Zwischenstengel, der Halsbänder und der Schafttheilung sehen wir deutlich, dass es sich fast immer um Bündelsäulen handelt; es ist also wohl anzunehmen, dass die immer nur einfach gezeichnete Blume als Kapitell dem unbeholfenen Maler gewissermaassen nur die Signatur bildete für die sich ineinander verschneidenden vier Lotus-Blumen, die er nicht darstellen konnte.
Auch die anderen Beispiele aus dieser Zeit, die Säule aus dem Grabe des Chunes (Nr. 2) in Sawijet el Meitin[18] und dem Grabe Nr. 14 des Hepi ebenda[19], beide Dyn. 6, zeigen dieselben Eigenthümlichkeiten wie die bisher genannten. Hierher gehören auch die Darstellungen aus dem Grabe 1 und 2[20] daselbst, welche Lotusbündelsäulen mit sehr gut dargestellten offenen Kapitellen in Flachrelief als vortrefflich gewählte Pfeilerverzierungen zeigen ([Abb. 16]). Hier scheinen die Zwischenstengel auch offene herabhängende Blüthen zu tragen; bei den anderen Beispielen waren es wohl eher Knospen.
Man sieht, das offene Lotus-Kapitell ist im alten Reiche häufig; ich möchte es daher nur für einen Zufall halten, dass aus dem mittleren Reiche uns nur ein Beispiel bekannt ist, und zwar ist dies eine gemalte Säule in Grab 5 des Ke-nacht zu Bersche (Newberry, el Bersche, II, 15). Auch im neuen Reiche sind diese Säulen spärlich. Ich kenne die offenen Lotus-Kapitelle für diese Zeit nur von einigen abgebildeten Bouquetsäulen, z. B. aus Tell-Amarna, Grab 6, aus der Zeit Amenophis' IV. (Ende der 18. Dyn.)[21] und aus dem Grabe des Sen-nudem zu Theben (Dyn. 20).[22] Bei beiden kommt das offene Lotuskapitell mit den später zu erwähnenden Papyrus- und Lilienkapitellen zusammen vor. Das letztcitirte Beispiel giebt die Pflanze sogar farbig wieder. Thörichterweise hat hier aber der Maler dem Schafte der Säule die den Papyrusbündelsäulen zukommende Form und Theilung gegeben.
Für den Mangel an wirklich guten, ausgeführten Beispielen aus dieser älteren Zeit entschädigen uns aber vorzüglich durchgeführte, sehr reiche Kapitelle der uns augenblicklich beschäftigenden Gattung aus der Spätzeit. Eines davon aus Edfu ptolemäischen Ursprungs ([Abb. 17]) mag hier als Beispiel dienen. Es zeigt natürlich wieder die schon oben besprochene Eigenthümlichkeit seiner Zeit, indem es noch von den Stengeln der Blumen zwischen Halsband und Kapitell ein Stück sehen lässt. Dies Kapitell erklärt uns, was mit den älteren Abbildungen gemeint war. Vier grosse offene Lotusblumen sitzen dicht nebeneinander, dazwischen je drei Blumen — eine grössere und zwei kleinere — auf Zwischenstengeln, wie wir sie auch schon oben einmal bei den geschlossenen Lotuskapitellen beobachten konnten. (S. [S. 8], Anm. 1.) Damit wäre es eigentlich genug, und die alten Muster wären erreicht. Dem ptolemäischen Künstler genügte dies jedoch wohl noch nicht, und so setzte er noch zwischen je zwei der schon vorhandenen 16 Blumen noch eine ganz kleine — also im ganzen fernere 16. Auch führt er die Zwischenstengel tiefer herunter als die älteren Meister, da ja die Halsbänder, hinter denen sie stecken, tiefer sitzen als in älterer Zeit.