Nur ein einziger verstand nicht; der einsame Hiesel Schneck auf der rotglimmenden Felswand droben. Über die Wand hinunterzusteigen und hinüberzuspringen zum Ring der Lauschenden – auf diesen Einfall konnte er nicht kommen. So erfindungsreich und beweglich war sein sechzigjähriges Kindergehirnchen nicht. Gewissenhaft blieb der Hiesel, wo man ihn hatte stehen lassen. Obwohl er sich mit dem halben Leib hinaushängte über den Steinrand und die braunen Tatzen wie Suppenschüsseln um die Ohrmuscheln wölbte, konnte er nur manchmal ein Wort erschnappen. Da drunten wurde alles beredet: die Lösung von der Leibeigenschaft auf Kosten des Königs von Preußen; das Reisegeld für die völlig Unbemittelten, die alles verloren hatten; Führung und Fürsorge, Verpflegung und Unterkunft für die Dauer der weiten Wanderung bis ins Brandenburgische und nach Ostpreußen; die Zuteilung von gutem Ackerboden in fruchtbarer Gegend; zwanzig Morgen Feld für den einzelnen Mann, zwanzig bis dreißig Morgen für kinderreiche Familien; Bauholz, Steine, Kalk und Arbeitshilfe für Errichtung von Wohnstätten; Begabung mit Rindern, Pferden und Ackergerät; unbedrückende, auf viele Jahre verteilte Rückzahlung der empfangenen Werte; zehnjährige Steuerfreiheit für das neue Dach; Einteilung in die Seelsorge; freier Gottesdienst und Freiheit der Seelen.
Daß da drunten beim Feuerstoß der Schnapsgutter oder ein Weinkrug reichlich herumgereicht worden wäre, davon hatte der Hiesel Schneck trotz seiner ruhelos spähenden Luchsaugen nicht das Geringste gewahren können. Drum blieb es ihm auch völlig unverständlich, daß die Tausend beim lodernden Feuerstoß und in ihren grellbeleuchteten Schneekitteln sich zu gebärden begannen wie froh und selig Betrunkene. Alle drängten sie jubelnd gegen die fremden Herren hin, jeder wollte einen Händedruck des Helfers erhaschen, und die freudigen Jauchzer schrillten durcheinander, als würde da drunten nicht eine polizeilich verbotene Trutzversammlung abgehalten, sondern eine heilige, das Blut und die Seelen durchleuchtende Sonnwendfeier. Aus dem freudetrunkenen Gewirbel der tausend Seligkeitslaute hörte der verdutzte Hiesel Schneck eine verzückte Bubenstimme herausschrillen: »Du Kaiser im Untersberg! Schlaf weiter, so lang wie du magst! Da ist ein Lebendiger, der uns auflupft aus aller deutschen Not!« Dann eine Greisenstimme mit trunkenem Schrei und voll junggewordener Kraft: »Du Schneekittel, du mutloser und trauriger! Ich brauch dich nimmer. Gucket, Brüder, wie lustig mein Lugenröckl brennt!« Wie dieser eine tat, so taten hundert, so taten alle. Gleich großen weißen Vögeln flogen die Kittel und Kapuzen der Sichtbargewordenen ins Feuer. Die lodernde Flamme wuchs und schlug noch höher empor, als die Wipfel der höchsten Bäume standen.
Mit großen Augen guckte der Hiesel Schneck hinunter auf diese märchenhafte Sache, die er nicht begriff. Das verrückte Durcheinandergewirr und das jubelnde Geschrei erschien ihm als etwas Lächerliches und stimmte ihn doch so sonderbar traurig, daß er am liebsten wieder heulen hätte mögen wie damals in jener Schneenacht, die ihm die evangelikanischen Heimlichkeiten seines Schneckenweibls verraten hatte. Um sich dieser unbehaglichen Gefühlsbedrückung zu entreißen, rührte er mit den Fäusten in der Luft herum und knurrte gallig hinauf zum sternschönen Himmel: »Mar' und Josef, ich versteh's nit, kreuzikruzisaxundfixige Weltsnoterei und Höllementshund du verteufelter, und ich versteh's halt nit!«
Wie der heilige Georg mit seiner Lanze losgestochen hatte auf den menschenfressenden Giftdrachen, so stieß der Hiesel den Eisenspitz seines Bergsteckens zwischen die Steinrippen der unbegreiflichen Welt und sauste mit wütenden Sprüngen über den steilen Hang hinunter zur Holzerhütte, um in der Herdgrube ein Feuer anzuschüren, wie es Leupolt ihm aufgetragen hatte. Seine Pflicht und Schuldigkeit tat der Hiesel unter allen Umständen, auch wenn er nicht verstand, wozu es nötig war. In dieser Hinsicht konnte man den Schneck mit einem guten Preußen vergleichen, freilich unter dem Risiko, daß der sonst so gutmütige Hiesel mit seinem Bergstecken unbarmherzig auf jeden losdreschen würde, der so was Schauderhaftes über ihn aussprach.
[Kapitel XXV]
Um die Dächer von Berchtesgaden blaute die Morgenfrühe, die nach der Neumondnacht zu leuchten begann. Die höchsten, noch weißen Bergzinnen waren schon rosig angestrahlt, die Täler noch umsponnen von grauem Frühschatten. Auf drei Türmen läuteten die Glocken. Frauen und Mädchen wanderten schweigsam zur Messe. Sie trugen das Gebetbuch und den Rosenkranz zwischen vorgestreckten Händen. Neben den vielen Musketieren waren nur wenige Mannsleute und Burschen zu sehen, selten einer mit frohen Augen.
Nicht nur die müden Menschengesichter, auch die Häuser und ihre Mauern erzählten von den erbitterten Glaubenskämpfen der vergangenen Wochen. Viele Kaufgewölbe waren geschlossen. Zwischen Häusern mit grünen Fensterläden und Flurpfosten stand immer wieder eines, dessen Türen und Kreuzstöcke mit Mohnfarbe angestrichen waren. Dadurch hatte die Marktgasse unleugbar an malerischem Reiz gewonnen. Das prächtige, reichlich verschwendete Rot und das saftige Frühlingsgrün stimmte gut mit dem silbernen Weiß der Mauern zusammen, das freilich der früher üblichen Reinheit ein bißchen entbehrte. Mit Kohle oder schwarzer Wagenschmiere, sogar mit einer Farbe, die man sonst bei künstlerischer Betätigung nicht zu verwenden pflegt, waren auf den weißen Mauern phantasievolle Teufelsgestalten mit schweinsartig geringelten Schwänzchen angemalt. Diese Zeugnisse einer naiven Volkskunst waren textlich belebt durch Stoßseufzer der christlichen Nächstenliebe, gegen die man den Vorwurf einer gewissen Eintönigkeit erheben mußte. Auf jeder Mauer wiederholten sich die gleichen Geistesblitze: »Luthrischer Siach!«, »Du Salzlecker!«, »Verhöllter Saukerl!«, »Schwarzweißer Preiß!«, »Evangelischer Teufelsbraten!« Von dieser, seit dem Versöhnungsschießen epidemisch gewordenen Volkskunst waren auch die Mauern der Gutgläubigen nicht verschont geblieben. Es erwies sich wieder einmal das Sprichwort: »Schrei hinein in den Wald und so hallte heraus.« Man hatte die Wände der Treugebliebenen geziert durch Mönchsköpfe mit Ablaßzetteln als ausgestreckte Zungen, durch Heilige mit Geldsäcken unter den Armen, durch Kapuziner mit Säbel, Muskete und Bratwurstkränzl. Diese Bilder waren aber nur noch fragmentarisch vorhanden, weil man sie wieder heruntergekratzt hatte. Das war polizeilich erlaubt: an ketzerischen Mauern war jedes Erlösungswerk verboten; hier hieß es: »Volksstimme, Gottesstimme.«
Häufig waren Häuser zu sehen, deren Türen und Fensterstöcke nach ausgiebiger Terpentintaufe nur noch einen blaßroten Schimmer hatten. Man durfte da nicht immer auf eine reumütige Heimkehr zum fürstpröpstlichen Glauben schließen. Gleich in den ersten Nächten nach dem Versöhnungsschießen hatten »evangelikanische Inkulpatanten«, wie Muckenfüßl rapportierte, zu heimtückischem Ausgleich auch die Fensterstöcke und Haustüren gutgläubiger Nachbarn mit roter Farbe bestrichen. Viel Terpentin war nötig. Die Preise der erlösenden Flüssigkeit stiegen. Weil man schließlich – helfe, was helfen kann – die fälschlich verketzerten Haustüren mit Kirschwasser, mit Zwetschkengeist und doppelt gebranntem Enzian waschen mußte, ergab es sich, daß alles, was unter die Bezeichnung Spiritus fiel, im Lande Berchtesgaden eine schwer erschwingliche Sache wurde. Der Rausch war ein seltenes Ding, man sah auch an Sonn- und Feiertagen keinen Betrunkenen mehr, und Pfarrer Ludwig konnte heiter zu Lewitter sagen: »Er hat doch recht, der Amsterdamer! Keine Sach des Lebens ist so kotzmiserablig, daß sie nit irgendwie zur moralischen Besserung der Menschheit dienen könnt.«
Wie fast alle Häuser der Marktgasse, so hatten auch die großen, altersdunklen Torflügel des Stiftes ein neuzeitliches Aussehen. An ihnen waren die vier großen, engbedruckten Papierbogen mit den vielen Paragraphen des Exulationsediktes angeschlagen; der Mann mit den entbehrlichen Schriftzeichen hatte hier die zwecklose Buchstabenverschwendung zu einer Orgie ausgestaltet. Und wie ein Herrscher sich umgeben sieht von seinen Generälen und Soldaten, so war das große Papierquartett der Landsverweisung aller Evangelischen im Ring umnagelt mit allen Polizeiverboten, die aus dem Schoß der Bekehrungswochen herausgesprungen waren. An diesen weißen Zetteln ging der stille Strom der Kirchgänger vorüber. Und ging vorüber an einem wunderlich blickenden Menschen, der auf den Marmorstufen des Marktbrunnens hockte, zwischen den Armen ein schlummerndes Bübchen, auf dem Bauernhut drei von Sonne und Regen verblichene Trauerbänder. Jedesmal, wenn zwischen den Weibsleuten ein Mannsbild an ihm vorüberging, rief er mit erwürgter Stimme die gleichen Worte: »Höi! Luset! Kauft nit einer meinen Hausrat, meine Küh und meine Geißen, mein Feld und mein Futter? Ich geb's um den halben Preis. Bloß der Gerstenacker muß mein bleiben für den gottsfreien Blumenwuchs. Da soll man nit misten und mähen. Das ander alles kann einer haben um den halben Preis.« Ein sonderbares Lächeln. »Jeder kann's kaufen. Alles ist gutkatholische War.« Die Leute sahen den Christl Haynacher in Erbarmen an oder schüttelten die Köpfe. Manche erkannten ihn nimmer. Er hatte sich verändert. Sehr.