Nach der Woche ohne Mond und Sonne, die ihm das Versöhnungsschießen eingetragen hatte, war Christl Haynacher ein geduldiger Mann geworden. Er versorgte seine Kühe und Geißen, kochte für sein Bübl das Mus, richtete unverdrossen auf dem Grabhügel seiner Martle ein neues Kreuz wieder auf, wenn das andere verschwunden war, schreinerte schließlich die nötigen Kreuze im Vorrat für eine ganze Woche, und verschwieg gehorsam die polizeilich verbotene Geschichte vom gottseligen Absterben seines Weibes. Nur von dem heiligen Mirakel erzählte er, das seine zwei »Preußenkinderlen« aus der Armeseelenkammer in den Glanz des Himmels hinaufgehoben hatte. So blieb er, bis der Kanzler von Grusdorf aus Gründen der Staatsräson in der geduldigen Ergebung des Christl Haynacher einen Wandel hervorrief. Unter Androhung vierzehntägiger Haftstrafe verbot man dem Christl, etwas »Kreuzähnliches« auf das Grab seiner Martle zu stecken, und zwei Dutzend Stockstreiche sollten ihm gewährleistet sein, wenn er nur einem einzigen Menschen noch die Himmelfahrtsgeschichte seines ungetauftgetauften Zwillingspärchens vorschwindle. »So so?« sagte Christl, als ihm Muckenfüßl diese Regierungsverlautbarung aus dem gefährlichen Notizbuch vorgelesen hatte. Das Grab seines Weibes blieb ohne Kreuz, und um das Schweigen leichter zu erlernen, vermied es Christl, mit Menschen beisammen zu sein, wurde erschreckend mager und bekam die Augen eines wilden Tieres.

Vor zwei Tagen hatte man ihn zum Landgericht befohlen. Der Mutter Jesunder war es aufgefallen, daß der Haynacher immer häufiger in der Kirche fehlte. Nun sollte er die schwarze Seele weißwaschen. Während seine verstörten Augen über den Tisch der Gerechtigkeit glitten, sagte er ruhig: »Mein Bübl muß sein Mus haben. Eine Magd kann ich nit bezahlen. Soll ich fleißig die Meß besuchen, so müssen mir die Herren eine Kindsmagd stellen.« Trotz andauernden Kopfschüttelns wollte sich aus dem justiziarischen Sauermilchgehirn keine verwertbare Butter absondern. Bezahlte man dem Haynacher eine Magd, so mußte doch wieder das Mädel die Kirche versäumen. Das war also gehupft wie gesprungen. Und dem Stifte kam es billiger zu stehen, wenn der Himmel nur um das Kirchengebet des Christl Haynacher verkürzt wurde. Man mußte die Sache auf sich beruhen lassen. Damit aber das Verhör nicht völlig ohne Resultat bliebe, stellte der Landrichter in miraculi sororum geminarum causa an den Christl allerlei schwerbegreifliche Fragen. Der wortkarge Haynacher, als er merkte, daß ihm das Reden nicht nur gestattet, sogar befohlen war, wurde überaus gesprächig, bekam einen heilig entrückten Blick und schilderte das gottschöne Wunder seiner Martle so genau, als wäre er selbst dabei gewesen. »Und schauet, lieber Herr, da ist's in der Finsternis allweil heller worden. Wie die Sonn an einem Frühlingsmorgen, so ist der lichtscheinige Himmelsglanz hergefallen über das gottsliebe Pärl. Zwei treue Mutterhändlen haben herausgelangt aus der Höh –«

»Ssssssso?« Der Landrichter ließ den Puder seiner Wuckelperücke nebeln. »Feldwebel! Schmeiß er das besoffene Schwein aus meiner Kanzlei!« Das geschah. Und wie es geschah, in einem so gottsheiligen Augenblick, das richtete im Verstand des Christl Haynacher eine so verheerende Wirkung an, daß er wie ein Verrückter hinüberlief zur Exulationskommission und sich einschrieb in die Liste der evangelischen Emigranten, mit der ausdrücklichen Beifügung: »als gutkatholischer Christ«. So ganz verstört war er, daß ihm bei der Eintragung sein Bübchen nicht einfiel. Und nun bot er schon den zweiten Tag seine Habe zum Verkauf: »Ich geb's um den halben Preis! Bloß der Gerstenacker soll bleiben für den gottsfreien Blumenwuchs. Da soll man nit misten und mähen.« Immer dünner wurde der Zug der Kirchgänger. Jetzt öffnete sich die Tür eines nahen Hauses, und würdevoll erschienen die vier entbehrlichen Federstriche, mit großer Aktenmappe, mit tadellos überpudertem Gehirnpelz. Mißmutig musterten die kleinen Mausaugen die frischgeweißte Hauswand. Sei es, daß man die tünchende Schicht zu dünn genommen, sei es, daß die Feuchtigkeit der Morgenluft den Kalk transparent machte, so oder so, das vierzeilige Lied, das ein unerforschbarer Missetäter mit roter Farbe auf diese Mauer geschrieben hatte, leuchtete deutlich durch:

»Du Christenschnufler, du Gottsentdecker,

Tust du als fleißiger Seelenschmecker

Dem Inkulpaten durch's Nasenloch gucken?

Oder mußt du dich tiefer bucken?«

In Anbetracht der Gedankenspiele, die das doppelhöckerige Justizgehirn des Landrichters durchkribbeln mußten, konnte man, als sein Scharfblick von der getünchten Mauer hinüberglitt zum Christl Haynacher, eine Besserung seiner Laune kaum erhoffen. Dennoch kam sie. Mit einem fast heiteren Lächeln blieb er vor dem Bauer stehen. »Nun? Er hat sich ja, wie ich höre, inskribieren lassen als Exulant?«

»Wohl, Herr!« Langsam hob der Christl die tiefliegenden Augen. »Aber nit als Evangelischer. Ich und mein Bübl, wir bleiben gutkatholische Christen bis zur erlösenden Sterbstund.«

Das Lächeln des Landrichters wurde noch fröhlicher. »Ich observiere mit Satisfaktion, daß er seinen Deszendenten ausdrücklich als katholisch nominiert und will es ad notam nehmen.« Dieses Deutsch verstand der Christl nicht. Er guckte stumm. »Aber meint er nicht, mein guter Haynacher, daß es, wenn, auch außerdienstlich, ein hoher Gerichtsbeamter mit ihm spricht, generaliter empfehlenswürdig wäre, sich vom Sitzfleisch zu erheben?«