»Das geht nit, Herr, mein Bübl schlaft. Es hat nit schlafen können die ganze Nacht. Ein bißl Ruh, Herr, muß man einer Menschenseel vergönnen.«
»Ja. Gut! Bleib er also sitzen! Aber hat diese Schlafsucht seines Kindes nicht eine andere Ursache? Man hat mir rapportiert, daß er viel mit seinem Bübchen redet, auf eine sonderbare Weise.«
»So so?« Der Bauer legte den Hut mit den Trauerbändern auf die Marmorstufe und strich sich mit der Hand übers Haar, das hinter dem rechten Ohr einen weißlichen Fleck bekam, vom vielen Kratzen.
Im Blick des Landrichters glänzte die Freude eines inquisitorischen Fundes. »Da erzählt er wohl jetzt seinem Kinde, was den Leuten zu erzählen ihm verboten ist?«
»Gott bewahr!« Christls Augen funkelten wie Wolfslichter. »Ich tu allweil gehorsamen, Herr!«
»Was schwatzt er dann immer mit seinem Kind?«
»Ich tu nit schwatzen, Herr! Ich tu dem Bübl, wenn es nit schlafen kann, ein Liedl singen.«
»Man rapportiert mir aber, das wäre geredet, nicht gesungen.«
Ein hartes Lachen irrte um Christls aschgraue Lippen. »Jeder singt, wie er's kann. Und wie man ihn laßt.« Der Haynacher erhob sich, schmiegte das wachgewordene Bübl an seine Brust und sagte fromm: »Gelobt sei Jesuchrist und die heilige Mutter Marie, drietausendmal in Ewigkeit Amen!« Ehe die vier überflüssigen Buchstaben denkfähig wurden, war der Haynacher schon davongegangen. Erst nach einer Weile vermochte Doktor Halbundhalb die Wahrheit zu ergründen: es handle sich da um einen schwachsinnigen Menschen, der, als Inskribierter, nicht im klaren war über die politische Zuständigkeit seines eingestandenermaßen katholischen Deszendenten. »Man kann das Kind einem solchen Narren nicht länger überlassen. Das wäre unmenschlich.« In diesem Gedankengange wurde der Landrichter durch einen jungen, schon zu körperlicher Rundung neigenden Klosterbruder unterbrochen, der aus dem Stiftshof herauskam und auf ihn zutrat. Obwohl er glatt rasiert war, erinnerte er merklich an den Grenzmusketier mit dem zottigen Faschingsbart. Das gedunsene Gesicht sah ein bißchen ermüdet aus, ein bißchen abgehetzt. Die Hände in die Kuttenärmel geschoben, verneigte er sich demütig und sprach ein paar leise Worte – nicht: »Gelobt sei Jesus Christus!« – er sagte was anderes und flüsterte vom Leupolt Raurisser. Doktor Willibald stutzte. Rasch verschwanden die beiden in der Torhalle des Stiftes.
Eine Viertelstunde später trabten auf flinken Gäulen zwei Dragoner und ein berittener fürstpröpstlicher Jäger gegen die zum Hallturm führende Straße hinaus, vorüber am aufblühenden Freudengärtl der allergnädigsten Aurore de Neuenstein, die eben aus ihrem Schlafzimmer auf das zierlich verschnörkelte Altänchen heraustrat, um in der milden Sonne des schönen Lenzmorgens ihre Schokolade einzunehmen. Trotz der frühen Stunde trug das kindhafte Fräulein kein bequemes Deshabillé, sondern war schon geschnürt, wenn auch nicht völlig zur zarten Wespentaille wie sonst. Frisiert war sie noch nicht, aber schon geschminkt und schönbepflastert. Sehr reichlich. Sonst hatte sie nur immer zwei Schönheitspflästerchen neckisch verwendet. Jetzt trug sie ein halbes Dutzend. Das hatte unliebsame Ursachen. Ihr holdes Unschuldsgesichtchen war seit einiger Zeit ein bißchen verpustelt, als wäre sie eine Liebhaberin heftig gewürzter Speisen geworden. Auch schien sie von dem Familienübel derer von Grusdorf befallen zu sein: von der Gicht. Täglich nahm sie ein gesalzenes Bad, so heiß, wie es eine zarte Menschenhaut nur mit Aufwand größter Tapferkeit zu ertragen vermag. Auch an seelischen Depressionen krankte sie und wurde häufig von Weinkrämpfen befallen, wie ein den weißen Mäuschen zuneigender Zechbruder sie im besoffenen Elend zu bekommen pflegt. Doch an jedem Abend, wenn der Landesherr sich mit seiner Freundin en titre zur gemeinsamen Mahlzeit setzte, wurde Aurore de Neuenstein überraschend liebenswürdig, sprühte von Heiterkeit und wußte ihren maître adoré in eine Stimmung zu versetzen, die ihn seiner vielen abtrünnigen Subjekte völlig vergessen ließ. In solch einer gutgelaunten, für köstlichen Nachtschlaf sorgenden Stunde äußerte er einmal die anerkennende Meinung: einer reizvolleren Freundin könne sich auch der König von Polen nicht erfreuen, dem doch bekanntlich die größte Auswahl zur Verfügung stünde.