Dankbar für ein so ehrenvolles Kompliment, überbot sich Aurore de Neuenstein in entzückenden Munterkeiten, die ihr um so leichter gelangen, weil Graf Tige, an langwieriger Verkühlung leidend, sich chronisch von der intimen Tafel der Allergnädigsten exkusieren ließ. Das nannte Herr Anton Cajetan »so verwunderlich wie das unerforschbare Rätsel der Armeseelenkammer«. Nicht ganz begreiflich war ihm auch der Zustand andauernder Feindseligkeit, der zwischen seiner niedlichen Freundin und ihrem morosen Onkel von Grusdorf zu bestehen schien. Bei einer Diskussion dieses erstaunlichen Familienzwistes vergaß Aurore de Neuenstein wieder einmal ihrer feinen Pariser Bildung und schwäbelte in bebendem Zorn: »E rechts Kameel isch'r. Wo was schief geht im Ländle, isch'r ratlos und weiß koi Mittel nit.« Sie selbst erschrak über diesen heimatlichen Ausbruch ihrer dunkelsten Unruhe. Herr Anton Cajetan aber hatte nur eine politische Wahrheit herausgehört, die ihn nachdenklich klagen ließ: »Ein großer, in allen Relationen versierter Staatsmann ist so selten, wie ein reiner Engel auf Erden.« Er küßte galant das Händchen seiner verblüfften Freundin, die erleichtert aufatmete. Über solch jähes Erschrecken, wie über das ruhelose Mißtrauen, von dem sie stets erfüllt schien, konnte sie nie einen völlig hüllenden Schleier ziehen. Wenn die harmloseste Sache geschah, wenn der Klopfer an ihrem Gartentor gerührt wurde, wenn ein Lakai erschien, wurde sie immer zuerst von einer heftigen Konfusion befallen, bevor sie ihre Kontenanz und ihr unschuldsvolles Lächeln wieder fand. Und als sie auf ihrem Altänchen das Hufgeklapper hörte und die beiden Dragoner in Begleitung eines fürstpröpstlichen Jägers so hurtig traben sah, erschrak sie à tel point, daß sie unter der rosigen Schminke erblaßte. Allerdings, diesmal entbehrte ihr Schreck auch einer realen Beziehung nicht. Vor einigen Tagen hatte sie, für alle unvorhergesehenen Fälle, ihre kostbarsten Schmuckstücke, die Mehrzahl ihrer Pariser Toiletten, ihre feinste brabantische Spitzenwäsche und zwei schwere Kassetten mit klug ersparten Dukaten nach Reichenhall geschickt, über die berchtesgadnische Grenze. Just dieser Grenze trabten die zwei Dragoner und der fürstpröpstliche Jäger entgegen, mit einer Eile, als hätten sie auf amtlichen Befehl was flüchtig Gewordenes wieder einzufangen. In der ersten Bestürzung zeterte Aurore de Neuenstein: »Soldate! Soldate! Was isch denn? Halt! Ihr saudumme Kerle, höret ihr denn nit?«

Sie hörten nicht. Und die Allergnädigste verbrachte eine qualvolle Stunde, bis ihre Zofe aus der Pflegerkanzlei die beruhigende Nachricht brachte, daß die Drei nur davongeritten wären, um den Leupolt Raurisser wegen Teilnahme an einer nächtlichen Fürsagung dem Aufenthalt ohne Mond und Sonne entgegenzuführen. Zur Beruhigung des überstandenen Nervensturmes nahm Aurore de Neuenstein ein dampfendes Salzbad, ungefähr um die gleiche Stunde, in der die drei Berittenen die Grenzwache beim Hallturm erreichten. Hier gab's einen Aufenthalt. Vornehme Gäste wurden feierlich empfangen, der Gesandte des Königs von Preußen mit seinem Geleitsoffizier, dem Obristen von Berg. Eine Eilstafette mußte absausen, um dem fürstpröpstlichen Hof die Ankunft des Gesandten zu melden. Erst, als die beiden Herren im Schritt davonritten, hinter einer Ehreneskorte von sechs Dragonern, fanden die Drei, die zum Hiesel Schneck wollten, einen Führer.

Das kleine Jägerhaus lag schweigsam, mit verschlossener Tür. Im offenen Geißstall plätscherte was. Als die Soldaten durch den niederen Einschlupf guckten, erschrak das Schneckenweibl fürchterlich. Die Drei sprangen auf die Stubentür zu und fanden den Hiesel schnarchend im Bett. »Kerl, was liegst du am lichten Tag in den Federn? Das ist verdächtig.« Mit einer an ihm seltenen Beweglichkeit des Geistes antwortete Schneck: »Heut in der Nacht bin ich beim Hahnverlusen gewesen. Verstehst?« Der fürstpröpstliche Jäger bestätigte: »Allweil schlaft man nach dem Hahnverlusen.« Er wandte sich an Hiesel: »Deintwegen kommen wir nit. Wo ist der Raurisser?«

Schneck, dem das Blut in die Stirn fuhr, nahm seine Zuflucht zu einem gesunden Himmelhund: »Kreuzteufel und Höllementsnoterei, was weiß denn ich?« Damit der Schläfer auf dem Heuboden erwachen und durch eine Dachluke entspringen möchte, schrie er aus Leibeskräften: »Ich bin doch nit dem Leupi seine Kindsmagd! Wird halt draußen im Wald sein. Das hat er nit schmecken können, der Leupi, daß die Dragoner kommen.« Das Wort war wie ein Trompetenstoß. Droben über der Stubendecke ein leichtes Gepolter. »Gott sei Dank,« dachte Hiesel, »jetzt fahrt er davon!« Dabei tat er, um jedes Geräusch da droben zu übertönen, einen brüllenden Fluch um den andern und strampelte mit den Beinen gegen die Bettlade. Er war ein prächtiges Mannsbild, der Schneck, nur kein Menschenkenner. An der Decke wurde die Stiegenklappe gehoben, und man hörte eine ruhige Stimme sagen: »Ich bin daheim. Und komm schon. Gleich.« Die Schneckin heulte in ihre Schürze, und Hiesel knirschte wütend gegen die Wand: »So ein Rindviech, so ein ehrenhafts!«

Leupolt kam über die Stiege herunter, in dem verwitterten Bergjägerkleid, das er in der Nacht getragen hatte. »Was soll's, ihr Leut?«

»Du mußt mit uns. Befehl der Stiftskanzlei.«

»Gut!« Seine Augen glänzten. Als ihn die Dragoner packten, ihm die Hände hinter den Rücken zogen und den Strick um die Gelenke schnürten, sagte er lächelnd: »Das wär nit nötig. Ich geh gutwillig. Jetzt ist kein Weg nimmer, der nit der Erlösung zulauft.« Er drehte das Gesicht. »Vergeltsgott, Mutter Schneckin! Für alles. Und Vergeltsgott, Hies! Dir bleib ich gut.« Er trat hinaus in die Sonne, die drei anderen hinter ihm. Mit einem fürchterlich gestichelten Himmelsköter sprang Hiesel Schneck aus dem Bett heraus, im Hemd. Das war seit vierzig Jahren, trotz seltener Wäsche, ein bißchen eingegangen und kurz geworden. Man sah, was man nicht sehen wollte. Der Hiesel hatte magergeselchte Beine, fast so haarig wie Ziegenläufe. Gar nicht appetitlich sah er aus. Dennoch war etwas Schönes an ihm, als er die schüttelnden Arme hob und hinaufklagte zur schwarzen Stubendecke: »Herrgott, Herrgott, was für eine Welt ist das, verstehst! Wo der Redlichste nimmer sicher ist seiner Haut und Seel!« Eine knirschende Wut befiel ihn. »Her da, Schneckin! Her zu mir!« Er machte mit dem Zeigefinger eine Bewegung, wie schlechte Hundepädagogen sie zu machen pflegen, wenn sie einen widerspenstigen Teckel heranbefehlen. Als er das schluchzende Weibl umklammert hielt, brüllte er in seinem ehrlichen Menschenzorn: »Jetzt, Schneckin, verstehst, jetzt hat der christliche Hafen bei mir ein Loch. Heut in der Nacht, verstehst, da bin ich noch allweil kein richtiger Evangelikaner gewesen. Jetzt bin ich einer. Gottsherrgottsakerment, ich exulier, ich exulier und ich exulier, jetzt grad mit Fleiß! Verstehst, Alte?«

»Wohl, Schneck, versteh schon!« weinte sie. »Aber ehnder du exulieren kannst, mußt du allweil ins Hösl schlupfen! Verstehst?« Der Hiesel verstand nicht. Er sprang unter einem Himmelhund, der so lang wurde wie eine Wagendeichsel, zum kleinen Fenster hin und legte sich, um hinauszugucken, mit beiden Armen in die Nische. Dadurch wurde das kurze Hemd noch kürzer. Auch die Stimme des Schneck erinnerte an ein klagendes Kind: »Herr Jesus, Jesus, Schneckin, jetzt binden die Saubrüder, die gottverfluchten, den Buben an die Rösser an!« So schrecklich, wie es für den Hiesel aussah, war es in Wirklichkeit nicht. Als die zwei Dragoner aufgestiegen waren, knüpfte jeder ein Ende des Strickes, mit dem sie Leupolt gefesselt hatten, an den Sattelknauf. Und fort. Der Jäger zwischen den beiden Gäulen. Die hatten keinen allzulangen Schritt. Da war schon mitzukommen. Aber sobald die Reiter auf der breiten Straße waren, fingen sie zu traben an, weniger aus Diensteifer als aus Neugier; sie wollten den Einzug des preußischen Gesandten zu Berchtesgaden nicht versäumen. Leupolt mußte springen, verlor den Hut und sagte: »Leut! Mein Hütl! Haltet ein bißl!«

Ein Dragoner lachte: »Wo du hinkommst, brauchst du kein Hütl nimmer. Sei froh, wenn du den Kopf behaltst.« Und weil er sah, wie flink der Leupolt Raurisser zu springen verstand, begann er den Gaul zu spornen, als wäre er neugierig, welcher von beiden der bessere Springer wäre, der Jäger oder das Roß. Die gefesselten Hände hinter dem Rücken, den Kopf in den Nacken zurückgelegt, das Gesicht umweht von den feuchten Strähnen des Blondhaars, die Brust nach vorne geschoben, mit ruhig pumpenden Atemzügen, so sprang der Jäger und war nicht langsamer als die Gäule. In seinen Augen schwamm ein heißer und froher Glanz, in seiner Seele der Gedanke: »Dort, wo ich hinspring, ist der Helfer und mein Glück.« Die Dragoner, die für ihre Gäule ehrgeizig wurden, begannen zu galoppieren. Leupolt sprang, ein Lächeln um den halb offenen, durstig atmenden Mund. Der junge schlanke, stahlsehnige Jäger, der das Beste seiner Kraft herausholte aus den beschwingten Gliedern, bot einen Anblick, daß der Herrgott, hätte er auf ihn heruntergeschaut, in Stolz und Freude hätte sagen müssen: »Wie schön und kraftvoll ist der Mensch, den ich erschuf!«

Schon tauchten die Dächer und der Kirchturm von Bischofswiesen über die Hügel. Auf der harten Kalksteinstraße war der hämmernde Hufschlag weit zu hören. Nahe den ersten Häusern ritten im Schritt die sechs Dragoner, die man dem preußischen Gesandten als Ehreneskorte gegeben hatte. Der junge Oberst, mitten im französischen Geplauder, drehte das Gesicht nach Art eines wachsamen Soldaten, sah den springenden Menschen zwischen den beiden hetzenden Gäulen, erkannte den Jäger, riß unter einem kurzen Laut das Pferd herum und jagte den Dragonern entgegen. Ein Dutzend Schritte vor ihnen verhielt er den Fuchs und streckte die Reitpeitsche seitwärts, als wär's eine Schranke, über die es kein Hinüber gab. »Ne bougez pas! Gredins!« Seine Augen blitzten. In der Gewohnheit der Sprache, die ihm geläufiger war als die Sprache der Heimat, quirlten die jähzornigen Worte aus ihm heraus: »Hé! Vous! Êtes-vous des soldats allemands ou des bourreaux? Rendez la liberté à cet homme! Wollt ihr? Hein? Gebt den Mann da frei!« Danckelmann, mit Sorge in den Augen, kam herangetrabt und wisperte französische Worte. »Ach wat!« Ein unwilliges Kopfschütteln. »Det duld ick nich. Sei es uff preußischem Sand oder fremdem Boden.« Der junge Oberst gab dem Fuchs einen Sporendruck und trieb ihn gegen die beiden Dragoner hin. »Wat hat der Mann da verbrochen?« Die Dragoner, ohne zu antworten, machten verdutzte Köpfe, und Leupolt, zwischen den schnaufenden Gäulen, stand aufrecht, mit glanzvollen Augen, so kraftvoll atmend, daß ihm die Schultern und der Brustkorb auf und nieder gingen. »Habt ihr Wolle in den Ohren? Ick frage, wat der da verbrochen hat.«