Ganghofer hat mit seinem neuesten Roman dem deutschen Volke eine prächtige Gabe beschert. Er führt seine Leser um ein paar Jahrhunderte zurück in jene Zeit, da politische Forderungen die schöne Agnes Bernauerin von der Seite des Bayernherzogs rissen. Wie ein düsterer, unheimlicher Ton klingt dieses Ereignis durch die Wirrnisse der Fehde, die die Trutze von Trutzberg mit ihren Burgnachbarn auszufechten haben. Gleichzeitig beleuchtet es die Liebesgeschichte des Romans, die sich zwischen dem Fräulein von Puechstein und dem Schäfer Lienhart abspinnt. Hierbei ist Ganghofer die schwierige Aufgabe restlos zu lösen gelungen, seine Leser für das ungleiche Liebespaar einzunehmen. Von der ersten Bekanntschaft mit dem Schäfer Lienhart an muß man diesem Naturburschen gut sein, so kernfest und treu-deutsch ist der junge Träumer und Held gezeichnet. Deshalb versteht man das junge Edelfräulein, wenn es sein Herz an den verachteten Schäfer verliert und einem verderbten Junker den Laufpaß gibt. In treffenden Gegensätzen entrollt der Dichter ein Bild vom Leben und Treiben in der vom Feinde belagerten Burg. Sein köstlicher, echter Humor kommt dabei in vollem Umfang zur Geltung. – Ganghofers Buch kommt gerade zur rechten Zeit. Es wird vielen, unter der Gegenwart Mühseligen und Beladenen, eine rechte Erquickung sein, denn der Quell, der es genährt hat, heißt Gesundheit.

Dresdner Nachrichten.

Ludwig Ganghofer, Das Schweigen im Walde. Roman. Neue Ausgabe. 60. Tausend. Geh. 5 M., geb. 6,50 M.

Hinauf auf die Berge und in den Hochwald führt der Dichter seinen im Getriebe der Großstadt flügellahm gewordenen Helden und läßt ihn gesunden am immer frischen Born reiner, hehrer Gottesnatur und inmitten ihrer kernfesten, urwüchsigen Menschen. Charakteristisch und scharf gezeichnet treten sämtliche Gestalten der interessanten, reichbewegten Handlung gleichsam leibhaftig vor uns und erregen unsere warme Sympathie bei allen ihren Leiden und Freuden. Den Mittel- und Glanzpunkt der Dichtung aber bildet die herrliche Gebirgsnatur der Tiroler Alpen, deren äußere Erscheinungen in edler, von poetischem Zauber durchwobener Sprache mit einer plastischen Anschaulichkeit geschildert sind, die Herz und Sinn des Lesers unwiderstehlich gefangen nimmt.

Adam Karrillon, Adams Großvater. Roman. 7. Tausend. Geh. 4 M., geb. 5.50 M.

Adam Karrillon gehört zu den im deutschen Schrifttum nicht seltenen Dichtern, die erst im gereiften Mannesalter aus einem im vollen Leben tätigen Beruf in die Literatur gekommen sind. Im Odenwald, in einem kleinen Waldnest geboren, war er von Jugend an mit Land und Leuten seiner Heimat vertraut, später als Landarzt hatte er in jahrzehntelanger Praxis im näheren und weiteren Bezirk Gelegenheit, Herz und Nieren zu prüfen, seine Menschenkenntnis zu erweitern und zu vertiefen. Als Karrillon als 47jähriger seinen ersten Roman herausgab, merkte man gleich, daß da ein Eigener auftrat, einer, der aus dem vollen schöpfte, der nicht in der Schreibstube nach einer landläufigen Mode oder den Geboten einer »Richtung« einen Roman zusammenbastelte, sondern die Erfahrungen eines Lebens vor uns ausbreitete, mit einem grimmigen Humor, mit innerer Heiterkeit, oft mit Wehmut, knorrig, kraus, sehr deutsch von Leben und Schicksalen seiner Leute erzählte. So gab er in seinem ersten Buche, dem »Michael Hely«, ein Bild des Odenwälder und Schwarzwälder Bauernvolkes, nicht verschönert und verniedlicht, wie weiland Auerbach und Defregger es taten, auch nicht so einseitig verzerrt und verroht, wie viele Moderne, sondern etwa so wie Leibl gemalt hat, so stark, so wahr, so unerbittlich und doch liebevoll. Dann kam die »Mühle zu Husterloh«, ein bei aller Komik tiefernstes Buch, das die Erwürgung eines patriarchalischen ländlichen Mühlenbetriebes durch ein modernes »Etablissement« zum Gegenstand hat, endlich der Roman »O domina mea«, welcher mit einem heiteren, einem nassen Auge das Geschick und die Liebe eines Bauernarztes erzählt. Viel eigenes Leben und Leid des Dichters klingt hier schon auf. Nach zwei kleineren Büchern, der launigen Schilderung einer Afrikafahrt und einem Bande lustiger Bauernhistörchen tritt Karrillon nun wieder mit einem größeren Bauernroman hervor, in dem er sein eigenes Geschlecht, sein eigenes Jugendland darstellt. Ganz unverfälscht ist wieder das Bauernvolk vorgeführt, der echte urwüchsige Bauer, das noch ungebrochene deutsche Volkstum. Gestalten, wie den hartschädeligen, auf seinen ererbten und mühsam vergrößerten Besitz stolzen Großvater, den sie wegen seines Reichtums den »Kurfürsten« nennen, seinen windigen, arbeitsscheuen Sohn, der jeder Schürze nachläuft und das väterliche Erbe in Saus und Braus durchbringt, vergißt man nicht. Wieder leuchtet Karrillons herzhafter Humor mildernd und versöhnend durch Leid und Leidenschaft, wieder erfreut eine markige, in ihrer Bilderpracht oft an Shakespeare gemahnende Sprache.

Gustav Schröer, Der Heiland vom Binsenhofe. Roman. Geh. 4 M., geb. 5,50 M.

Ein starkes, gutes und schönes Werk, aus der Tiefe und Fülle menschlicher Empfindung und Erkenntnis geschöpft, edel im Gegenstand, frei und maßvoll in der Gesinnung, geradlinig in der Führung, einheitlich und geschlossen in der Erfindung und Darstellung, ohne bilderreichen Überschwang und doch dichterisch beseelt, lebendige Menschen und wirkende Natur, überzeugend und ergreifend. Es ist nur eine einfache Bauerngeschichte, aber sie umspannt in ihrer kleinen Welt den ganzen ewigen Kampf der Schwachen gegen die Mächtigen, der Vernunft gegen den Aberglauben, der Güte gegen die Gemeinheit, der Selbstlosigkeit gegen die Leidenschaft. Und als symbolischer Vertreter dieses Kampfes erscheint der Schicksalsmensch, dem gerade seine besten Eigenschaften einen tragischen Untergang bereiten und dem, wie seinem göttlichen Vorgänger, im Leben zum Spott, im Tode zum Ruhm der Name des »Heilands« zuteil wird.

Gustav Schröer hat bereits durch die im vorigen Jahre in unserer »Sammlung« erschienene Erzählung »Die Flucht von der Murmanbahn« und andere Werke starke Talentproben abgelegt; durch dies neue Werk, das einen bedeutenden Stoff in bedeutender Weise behandelt und in seinen Folgerungen eine ernste Mahnung für vielleicht bevorstehende Tage ist, hat er Anspruch, in weitesten Kreisen des deutschen Volkes gehört zu werden.

Gustav Schröer, Die Flucht von der Murmanbahn. Nach den Berichten eines Torgauer Husaren. 8. Tausend. Geh. 2 M., in Pappband geb. 2,50 M.