»Was is?«
»Ich hab dich reden hören mit dem Herrn Fürsten. Kannst ja mir den Brief geben. Ich besorg ihn.«
Hätte Pepperl nicht Kopf und Herz mit anderen Dingen voll gehabt, so hätte ihm der fiebernde Klang dieser Stimme auffallen müssen. So sagte er: »Ja, is recht! Und is mir lieber, als daß ich den Förstner aus'm Schlaf aussireißen müßt! Aber gelt, ich kann mich verlassen auf dich?«
»Ja! Gib her!«
»No, no, no? Was hast denn? Zarrt er mir den Brief aus der Hand — ich weiß net, wie!«
Ohne zu antworten, ging Mazegger zu seiner Hütte. Auf der Schwelle blieb er lauschend stehen, bis er die Schritte des Jägers hörte, der seinem Herrn folgte. Dann schloß er am Fenster die Läden, trat in die Stube und verriegelte die Tür. Schwer atmend untersuchte er den Brief und drehte ihn hin und her, langsam, als wäre das leichte Papier so schwer wie Blei. Der Brief war nur leicht verklebt. Mazegger öffnete ihn. Und damit kein Lichtschein durch die Ritzen der Läden hinausfallen möchte, schraubte er an der Petroleumlampe die Flamme ganz klein herunter. Bei diesem trüben Zwielicht las er:
»Drei Uhr morgens.
Lieber Goni!
Du hast recht gehabt! Ich sollte nicht erlöst werden ohne ›Gewaltstreich‹. Sie versuchte ihn mit einer plumpen Reminiszenz an die französische Komödie, deren Heldinnen sie verkörperte, bevor sie den adeligen Hochstapler fand. Der gab ihr seinen Namen, um sich von ihr — ich will milde sagen: ernähren zu lassen — schließlich auch auf meine Kosten. Was mich in meinem Wahnsinn damals, als ich es erfuhr, vor Ekel krank machte, krank auf den Tod fast — daran kann ich heute denken, als wär es nie gewesen, als läge für mich eine ganze Welt zwischen damals und heute, ein Feuer, das mich reinigte, als ich seine Flammen durchschritt. Und denk nur, Goni, sie kam, um die Flitterwochen ihrer Freiheit mit mir zu verleben! Sie hat sich scheiden lassen. Das war der Grund ihrer langen, Dir so unbegreiflichen Reserve. Sie wollte frei sein, um mir sagen zu können:
Ich habe mich erlöst für dich! Ein Glück, daß sie mir das nicht einen Monat früher sagen konnte! Ich glaube, ich wäre bei meiner falschen Vorstellung von dem, was ›Verpflichtung‹ heißt, noch vor wenigen Wochen fähig gewesen, mit Bewußtsein mein Leben zu vernichten. Aber daß sie zur Verkündigung ihres ›heiligen Opfers‹ gerade diese Stunde wählte und dazu ein ›leichtlösbares Spitzenrätsel‹ wie für die Rolle der ›Iza‹ im ›Fall Clemenceau‹ — das hat mir die Bilanz meiner Vergangenheit und Zukunft leicht gemacht. Nun ist alles vorüber und abgetan! Gründlich. Wie ich aufatme! Daß ich keine Stunde mehr mit ihr unter dem gleichen Dach verbringe, wirst Du begreiflich finden. Nur diese Zeilen schreib ich Dir. Dann weck ich den Jäger und steige mit ihm hinauf — hoch, hoch hinauf, wo ich Sonne und reine Luft finde.
Eigentlich muß ich Dir dankbar sein. Sie verhalf mir zur Erkenntnis meines Glückes, das gestern noch unbewußt in mir dämmerte, wie ein Gefühl wunschloser Freude, ruhig, heiter und schön. Ach, Goni, wenn ich Dir nur schildern könnte, wie mir zumute war, als es so plötzlich Licht wurde in mir! Mich erwartet ein Glück, das ich gefunden habe auf heiligem Weg. Erinnerst Du Dich an dieses Wort meines ersten Briefes? Nun ist es zur Wahrheit an mir geworden. Mehr kann und will ich Dir jetzt nicht sagen. Wenn ich heimkomme, sollst Du alles wissen. Und morgen, Goni, hol ich mein Glück! Küsse mir das Bild meiner Mutter, Du Treuer, und freue Dich mit dem glücklichsten der Menschen. Das ist
Dein Heinz.«
Mazegger hatte längst zu Ende gelesen, und noch immer saß er über das Blatt gebeugt, das in seinen Händen zitterte. Sein Gesicht war verzerrt. Mit einem Lächeln, das alle Zähne sehen ließ, raunte er das Wort des Briefes: »Morgen hol ich mein Glück!« Er schob den Brief in den Umschlag und verschloß ihn, blies die Lampe aus und stieß am Fenster die Läden auf. Draußen war es Tag geworden.
»So? Morgen?«