»Führ mich, führ mich, ja, mit dir ist der Herrgott!« keuchte er und klammerte die Hände um ihren Arm. »Wenn's noch einen Weg gibt, mußt du ihn finden — über den Paß hinüber, ins Prantlkar!«
Den Felsenpaß, den Ettingen und Praxmaler an jenem Gewittertage überstiegen hatten — ja, den kannte sie. Aber dort hinauf, über die steilen Wände? Jetzt bei Nacht und Nebel? Das war unmöglich. Das wäre der sichere Tod. Es mußte einen anderen Ausweg geben, talwärts durch den Wald. Der Zufall dieses Brandes konnte so unselig nicht gespielt haben, daß schon das ganze Tal vom Feuer verschlossen war.
»Kommen Sie, Mazegger!«
Er ließ sich ziehen von ihrer Hand. Als die beiden über das Latschenfeld gegen den See hinunterkamen, mischte sich der Rauch immer dichter in den Nebel, immer lauter tönte auf allen Seiten das Brüllen der Rinder. Ein paarmal tauchte der Esel in ihrer Nähe auf, mit Schnauben und Gewieher, begleitete sie eine Strecke und verschwand wieder. Schwüle Hitze wehte ihnen vom brennenden Wald entgegen, und rauschend zog der Wind, der die Rauchwolken über die Berge hinaufjagte. Als die beiden den See erreichten, kamen viele Rinder auf sie zugerannt und folgten ihnen Schritt um Schritt unter angstvollem Gebrüll. Ein sausender Windstoß teilte den von Rauch durchflossenen Nebel, und nur noch matt verschleiert lag der brennende Wald vor ihnen, eine näherrückende Flammenmauer, welche die ganze Breite des Tales füllte, von Wand zu Wand.
»Wir laufen ins Feuer«, schrie Mazegger wie ein Wahnsinniger, »wir müssen hinauf! Über die Wänd hinauf!«
»Das ist unmöglich.«
Mazegger bedeckte mit dem Arm die Augen, und die Zähne begannen ihm zu klappern.
Das bleiche Gesicht vom Ruß der Fackel angeflogen, stand Lo auf einem Felsblock und spähte über den brennenden Wald hinunter, aus dem die Flammen schon herauszüngelten gegen die Latschenfelder. Nur an einer einzigen Stelle des Waldes, dort, wo der Seebach gegen Ehrwald hinunterströmte, war es noch dunkel. Aber auch dort schon quoll es mit rötlichen Dämpfen hinter den Bäumen herauf. Es gab durch den brennenden Wald keinen Ausweg mehr. Wollten die beiden Menschen ihr Leben retten, so mußten sie das Unmögliche versuchen: den Weg über die Berge.
Das erkannte Lo. Schon wollte sie dem Jäger sagen: wir müssen hinauf, wir haben keinen anderen Weg mehr! Da begannen plötzlich die Rinder, die brüllend um sie herstanden, ein tolles Rennen. Hatte eines der Tiere jene dunkle Stelle im Walde gewahrt? Ahnte es dort noch einen Weg der Rettung? Es fing zu rennen an, und alle Rinder jagten ihm nach im blinden Herdentrieb, schnaubend und mit gestreckten Schweifen. »Das Vieh! Das Vieh weiß einen Ausweg!« kreischte Mazegger. Nur an die Rettung des eigenen Lebens denkend, riß er dem Mädchen die Fackel aus der Hand und rannte mit verzweifelten Sprüngen den Tieren nach. Rauch und Nebel verschlangen ihn. Das Gerassel der Steine, die sich auf seinem Wege lösten, ging unter im Sausen des Windes, im Geprassel und Krachen des brennenden Waldes.
»Mazegger! Mazegger!« schrie Lo in der Todesangst, die sie empfand um diesen verlorenen Menschen. Sie schrie und schrie. Keine Stimme gab Antwort. Und das Brüllen der Rinder war verstummt dort unten. Nur über den See herüber klang noch das Röhren einzelner Tiere, die bergaufwärts flüchteten, den Felsen zu.