»Mazegger!«

Sie wollte folgen, hoffte, ihn noch hindern zu können, den Weg der toll gewordenen Tiere zu nehmen. Aber dichter Rauch umwirbelte sie, der sie fast zu ersticken drohte. Wohin sie auch ihren Weg nahm, überall loderte ihr das wachsende Feuer entgegen, das den Waldsaum schon übersprungen hatte und die Latschen ergriff.

»Mazegger! Mazegger!« schrie sie noch immer, bis ihr die Stimme versagte.

Rauch und Flammen trieben sie zurück. In Qualm und Nebel wußte sie nicht, wohin sie geriet — sie merkte nur plötzlich, daß ihre Füße in Wasser traten. Der See! Da ihre Kräfte zu erlöschen drohten, bückte sie sich, schöpfte Wasser mit den Händen und trank und kühlte das Gesicht. Im jagenden Winde flogen schon die glühenden Funken über sie her, als sie die seichte Bucht durchwatete und wieder das Ufer gewann. Während sie hineilte über den ebenen Rasen, kam's mit Keuchen und Schnauben hinter ihr nachgerannt.

»Hansi!«

Zitternd drängte sich das Grautier an seine Herrin, als wäre Hilfe bei ihr.

Noch einmal schrie sie den Namen des Jägers in den wallenden Rauch. Als sie keine Antwort hörte, klammerte sie sich an die Hoffnung, daß er den rettenden Weg gefunden hätte, den ihr das wachsende Feuer verschloß. Ihr blieb nur dieser einzige Weg noch, dieser unmögliche: über die Berge hinauf, um den Paß in das andere Tal zu gewinnen. Ein Weg, auf dem in der Finsternis der tödliche Sturz sie erwartete bei jedem Schritt. Sie mußte ihn versuchen, es gab keinen anderen. Wohl dachte sie einen Augenblick daran, im höheren Felsental eine geschützte Stelle zwischen kahlem Gestein zu finden. Aber der Rauch, der sich dichter und dichter herwälzte über den See, mußte, wenn die grünen Latschenfelder bis hoch hinauf ins Glühen kamen, das ganze Tal erfüllen und alles atmende Leben ersticken.

Sie faßte den Halsriemen des Esels, um das Tier mit sich fortzuführen. Es sträubte sich und wollte nicht von der Stelle. Immer wieder, unter Zittern und Schnauben, drehte es den Kopf nach dem brennenden Wald zurück. Lo zerrte am Riemen. Ein paar Schritte folgte das Tier mit Zögern. Dann plötzlich, als hätte es die Absicht seiner Herrin verstanden, hätte begriffen, welchen rettenden Weg es zu suchen galt, begann es zu traben, immer rascher, das Mädchen mit sich fortreißend, das an den Riemen geklammert hing. Den auch bei Tag nur schwer erkennbaren Steig, der über die steilen Latschengehänge emporführte zu den Felsenkaren, hätte Lo wohl nie gefunden bei diesem unruhigen Wechsel zwischen trüber Feuerhelle und rauchschwarzer Finsternis. Die nachtsehenden Augen des Tieres fanden ihn. Schnaubend zerrte es seine Herrin mit sich hinauf, eine Latschenhöhe nach der anderen überwindend, bis sie das kahle Gestein erreichten. Da blieb es stehen, erschöpft und mit vorhängender Zunge. Es wollte nicht weiter, legte sich auf die Steine nieder und begann an seinen Knien zu lecken.

Auch Lo war atemlos zu Boden gesunken. Mit dem Rücken an das Tier gelehnt, halb erstickt vom Gewirbel des Rauches, hielt sie die Fäuste auf ihre kämpfende Brust gedrückt. Ein brausender Windstoß jagte den Rauch, und vor den Augen des Mädchens lag es dort unten wie eine lodernde Hölle. Der ganze Sebenwald eine einzige ungeheure Flamme! Rings um den See her brannten schon alle Latschenfelder, bald in rote Glut versinkend, bald wieder aufleuchtend mit weißem Feuerglanz, wenn der Wind darüber hinfegte. Aus diesem Glutfeld ragte eine dunkel qualmende Säule hervor: der Harfenbaum, der den Flammen noch widerstand — und daneben loderte eine hohe Feuergarbe: das brennende Seehaus.

Als Lo diese Flamme sah, sprang sie auf mit schluchzendem Schrei. »Vater! Unser Haus! Deine Blumen!« Tränen stürzten aus ihren Augen, und in der ersten Marter dieses Anblicks machte sie ein paar Schritte gegen das Tal, als könnte sie noch retten, diesen Flammen noch wehren. Wehender Rauch quoll ihr entgegen, schwarz und schwer, das Bild des Brandes verhüllend.