Sie rang nach Atem, einer Ohnmacht nahe. Schon wollte sie mit taumelnden Sinnen zu Boden sinken. Da richtete sie sich wieder auf und streckte mit zitterndem Laut die Arme in das Dunkel. Ihr war, als stünde der Vater vor ihr, in heller Sonne, ruhig und lächelnd. Und sie hörte seine Stimme, mit jenem gleichen Klang der Liebe, wie einst: »Komm, Lo! Meine liebe, gute kleine Lo!« Er reichte ihr die Hand, als wollte er sie führen. Sie meinte diese Hand zu fassen, sie fühlte ihren Druck — und da war's nicht mehr ihr Vater, es war ein anderer, der vor ihr stand, ein Leuchten in den Augen, mit der gleichen Liebe im Ton der Stimme: »Lo! So komm doch!«
»Heinz!« In Schmerz und Freude schrie sie diesen Namen. Da war alles verschwunden, was ihr fieberndes Blut und ihre erregten Sinne gesehen hatten. Doch in ihren Gliedern war neue Kraft, neuer Wille zum Leben.
Bei dem matten Feuerschein, der das zerfahrene Gewölk durchschimmerte, erkannte sie im Felsenkar den Steig, den sie gehen mußte. Hastig jagte sie, solange der Feuerschein noch währte, durch das öde Kar. Dann umhüllten sie wieder die jagenden Rauchwolken und das Dunkel der Nacht. Tastend mußte sie den Weg suchen. Immer wieder verlor sie ihn und fand ihn immer wieder. Felsen sperrten den Pfad. Das mußte die Wand sein, die sie zu übersteigen hatte. Und dieses Felsband, auf das ihre Füße traten? Das war der Weg, der über die Wand hinaufklomm bis zur Höhe des Passes. Sie stieg und stieg. Immer schmäler wurde das Steinband unter ihren Füßen. Weit hinter sich vernahm sie das Schnauben des Tieres, das ihr folgen wollte, vernahm das Rollen der Steine, die seine Hufe lösten, und jetzt den Fall eines schweren Körpers, der tiefer und tiefer stürzte. Eine Weile noch rasselten die nachrollenden Steine. Dann war es still dort unten.
Sie wollte schreien. Die Stimme versagte ihr.
Jetzt hörte sie in schwarzer Tiefe das Ächzen des sterbenden Tieres. Da schlich auch ihr das kalte Todesgrauen in die Seele. Zitternd hing sie an die Felsen geklammert, während fern das dumpfe Brüllen der letzten, noch irrenden Rinder klang und stickender Rauch immer dichter die finsteren Lüfte füllte.
Kein Laut mehr in der Tiefe zu ihren Füßen, kein Ächzen und Stöhnen mehr. Das Tier war erlöst von seiner Qual.
Da atmete sie auf, den Todesschreck überwindend, der sie befallen hatte. Leise sprach sie ein Wort ihres Vaters vor sich hin: »Tod? Das ist nur ein Wort, nur das letzte Lächeln eines guten Menschen, der mit seinem Leben zufrieden war.«
Sollte ihr Leben auch erlöschen in dieser Nacht, dort unten in schwarzer Tiefe, ferne von Mutter und Bruder — es war doch reich gewesen und schön ohnegleichen, vom ersten, fröhlichen Lachen des Kindes bis zum letzten Gruß jenes einen, der ihre Seele und ihr Herz in seine Hand genommen hatte wie einen Besitz über Leben und Tod hinaus!
Sie flüsterte seinen Namen. Das war ihr wie ein Abschied, den sie nahm von dem geliebten Manne. Nicht für den Tod, fürs Leben nur! Denn sie fühlte, daß sie leben würde. Jetzt, da die Furcht von ihr abgefallen war, konnte sie an den Tod auch nicht mehr glauben. »Mutter! Bruder!« Der Gedanke an diese beiden richtete sie auf. Um dieser beiden willen mußte sie ringen um ihr Leben, stark und mutig, bis zum Erlöschen ihrer Kräfte.