Sie rastete, an die Felsen gelehnt, um ihren Atem in Ruhe zu bringen, und preßte ihr Tuch vor die Lippen, um sich gegen den Rauch zu schützen, der emporquoll über die Felsen. Während sie hinausblickte in die von dunklem Gewirbel erfüllten Lüfte, sah sie nicht das wogende Gewölk und nicht die schwarzen Felsen in der Runde. Sie sah das Kämmerchen des Bruders. Da war es still und dunkel. Dennoch erkannte sie jedes Bild an den Wänden, jedes Gerät, sah den schlummernden Knaben und die wachende Mutter, die in ihrer schlaflosen Immersorge auf die Atemzüge des Buben lauschte. Und Lo vernahm, wie die alte Frau vor sich hinflüsterte: »Gott sei Dank, er schläft, da kann er doch keine Schmerzen haben! Morgen wird sein Fuß wieder gut sein. Und Lo wird kommen. Ach ja!«
»Morgen!« Wie ein heißer Strom der Freude und Sehnsucht rann es ihr durch Blut und Seele. Morgen! Die beiden wiedersehen, morgen im Frühlicht!
Sie erhob sich. Ruhig begann sie sich mit Händen und Füßen an den Felsen hinzutasten, höher und höher klimmend.
»Mutter! Bruder!«
Sie stieg und stieg, bei jedem Schritt um ihr Leben kämpfend, an das sie glaubte.
Einundzwanzigstes Kapitel
Unter ziehenden Nebeln erwachte der Morgen über dem Geißtal, über den Tillfußer Wäldern und Almgehängen.