»Da sind Sie aber wirklich zu bescheiden. Wie sehr diese Blumen Ihre Hand empfinden, kann ich Ihnen gleich beweisen.« Ettingen nahm das kleine Rosensträußlein von seinem Hut. »Ich habe ein paar Almrosen von dort oben mit heruntergebracht. Sehen Sie nur, wie klein die Blüten sind und wie matt in ihrem Rot! Die sind mit den Almrosen, die Sie im Garten haben, nicht zu vergleichen. Wie groß und üppig die Kelche hier sind, wie feurig in der Farbe!«
»Das ist richtig, ja. Aber der Unterschied kommt nicht von der Pflege, er liegt in der Gattung. Was Sie haben, das sind die gewöhnlichen Steinrosen, aber die meinen hier, das sind Edelrosen.«
»Edelrosen? Gibt es eine Aristokratie auch unter den freien Bergblumen?«
»Sie scheinen kein allzu eifriger Hochtourist zu sein, weil Sie diesen Unterschied nicht kennen.« Lolo stellte die Kanne nieder, brach von den mit glühenden Blüten übersäten Rosenstauden einen der schönsten Zweige und kam zur Bank. »Der Unterschied ist am besten an den Blättern zu erkennen. Das Blatt der Steinrose hat mattes Grün und ist behaart, die Blätter der Edelrose sind glatt, von tiefem wachsglänzendem Grün und auf der Unterseite braun angeflogen.« Sie wollte ihm das Rosenzweiglein reichen und sah ihn an. Da erschrak sie und lächelte wieder. »Ach, Gott! Nun seh ich es Ihnen auch am Gesicht an. Sie sind wohl erst kurz aus der Stadt gekommen? Und noch nicht lang in den Bergen?«
»Seit drei Tagen erst.«
»Und gestern haben Sie wohl einen langen Marsch in der heißen Sonne gemacht?«
»Ja, das war gesunde Hitze gestern! Ich bin wohl sehr abgebrannt?«
»Mehr, als Ihnen lieb sein wird! Haben Sie denn keine Schmerzen im Gesicht?«
»Schmerzen? Ich? Aber ja, es ist wahr, mein Gesicht brennt wie Feuer.«