„Friedl? Willst du was?“
„A Tröpfl Wasser, ich bitt schön!“ Der Jäger fiel wieder zurück auf die Kissen.
„Ich hol es dir frisch vom Brunnen herein.“ Als Benno die Tür öffnete, fiel ihm das Licht von draußen hell ins Gesicht. Wohl traten seine Schuhe vorsichtig auf die Steinplatten des Flurs. Dennoch hörte Friedls Mutter in der Stube das Geräusch. Zehrende Sorge in den Augen, kam sie gelaufen und fragte, was denn wäre. Benno beruhigte sie. „Bleiben Sie bei dem Kindl, Mutter! Der Friedl braucht nur einen frischen Trunk. Den hol ich ihm schon.“ Als er vom Brunnen zurückkam, stand die alte Frau noch immer auf der Stubenschwelle. Er nickte ihr lachend zu und trat in die Kammer des Jägers.
Mit dürstenden Zügen leerte der Kranke das Glas und flüsterte matt: „Gott vergelt’s Ihnen tausendmal!“
„Schon recht, Friedl! Aber der Herrgott hat was anderes zu tun.“
„Man sollt’s meinen, ja! Aber diesmal muß ihm sei’ ewige Fürsorg a bißl schief durchanand rumpeln. Sonst tät’s anders zugehn auf der Welt.“
Benno drückte die zitternden Hände des Jägers auf die Bettdecke nieder. „Halte den Schnabel, Bub, und reg dich über die Weltregierung nicht auf! Unser Herrgott wird schon zurechtkommen.“ Er nahm seinen Platz wieder ein, blieb bis in die Nacht, gab die Krankenpflege nimmer aus der Hand und verließ die kleine, dunkle Stube nur, um zu essen und ein paar Stunden zu schlafen, oder um einen Wunsch des Jägers zu erfüllen.
Zwei Tage vergingen. Und wenn die Besserung des Kranken merkliche Fortschritte machte, so hatte es den Anschein, als wäre es Bennos stete Gegenwart, die im Verein mit Friedls kräftiger Natur die Genesung beförderte. Solange Benno neben dem Bett saß, lag der Kranke ruhig. Sobald aber Benno die Kammer verließ, wurde Friedl seltsam erregt und fragte die Mutter immer wieder: „Kommt er net bald?“
Soviel Freude Benno über diese Anhänglichkeit des Jägers empfand, sowenig vermochte er sie zu begreifen. Er war immer gut und freundlich mit Friedl gewesen, aber das konnte das Herz des Jägers doch nicht so fest verpflichten. Die Lösung des Rätsels war: daß Friedl in Benno einen Vertrauten für alle Sorgen seines Herzens zu finden hoffte und nur den Mut nicht hatte, offen von seinem Kummer zu reden. Schließlich kam aber doch die Stunde, die diesen verschlossenen Brunnen der Schmerzen öffnete.
Es war gegen Abend. Durch die Ritzen der Fensterläden fielen die schimmernden Strahlen. Sie waren rot geworden, und ihre Lichter, die im Lauf der Stunden die ganze Wand entlang gewandert waren, lagen wie große Mohnblumen auf der weißen Bettdecke. In dieses rote Geflimmer hatte der Kranke seine beiden Hände gelegt. Sie sahen aus wie von Blut übergossen. Mit halb geschlossenen Augen blickte Friedl auf dieses brennende Rot, während Benno erzählte, daß bei der lange dauernden Hitze sich auf den Almen die Seuchenfälle zu mehren begännen, und daß man in den herzoglichen Jagden schon gefallenes Wild gefunden hätte. „Im heurigen Sommer hat die Sonne viel auf dem Gwissen!“