„Und es is doch so was Schöns ums Sonnenlicht! Von der Sonn, da kommt doch ’s ganze Leben auf der Welt!“ Friedl seufzte. „Aber freilich, wo Licht is, da findst auch den Schatten gleich bei der Hand. Da hab ich schon oft drüber nachdenkt. Der liebe Herrgott muß doch hundertmal gscheider sein als aller Menschenverstand? Warum hat er’s denn nacher auf der Welt so eingricht, daß alles Schöne sei’ wilde Seiten haben muß, und daß dem Menschen in der liebsten Freud der härteste Wehdamm net erspart bleiben kann? Schauen S’, Herr Dokter, wann ich so allein draußen war in die Berg, da hab ich oft so sinnieren müssen – und da sind mir oft Sachen eingfallen, wo ich mich gfragt hab, wie unser allmächtiger Herrgott so ebbes zulassen kann. Es is grad, als ob er diemal mit seine Engel und Heiligen so viel Schererei hätt, daß er auf uns arme Menschenleut ganz vergißt.“

Benno fühlte sich seltsam berührt von diesen Worten. Das war Pessimismus in seinem naivsten Urzustand! Schon wollte er zu Friedl in einfachen, verständlichen Worten von dem Trost reden, den der Mensch gegenüber der dunklen Härte des Schicksals aus dem Bewußtsein des eigenen Wertes schöpfen muß. Da fühlte er seine Hand umfaßt. Und Friedl sagte: „Herr Dokter, ich hätt a Bitt!“

„Was denn, Friedl?“

„Wann S’ so gut sein möchten und den Fensterladen aufmachen, daß ich d’ Sonn a bißl sehen kunnt!“

„Aber gern!“ Benno ging zum Fenster. Die Scheiben klirrten. Und die Läden knarrten in ihren Angeln, als Benno sie aufstieß, daß sie polternd an die Außenwand der Hütte schlugen. Breit und rot flutete die Abendhelle in das Stübchen und über Friedls Lager. Gerade dem Fenster gegenüber stand die Sonne, halb schon verschleiert von den Bäumen eines fernen Berggrates.

Vor der ersten blendenden Lichtfülle hatte Friedl die Hand über die Augen decken müssen. Als aber Benno wieder bei ihm saß, blickte der Jäger mit leuchtenden Augen in den Rotglanz des sinkenden Gestirnes.

„Schauen S’ hin, Herr Dokter! Sieht’s net aus, als ob von der Sonn ’s dicke Blut niederfließet über Bäum und Felsen. Wann ich dös so betracht, da kommt’s mir für, als ob uns der Teufel ’s Licht net vergunnt und Tag für Tag die schöne Sonn abischießt vom Himmel. Und d’ Sonn steigt hinter die Berg, wie d’ Leut sagen: ins Meer – grad wie a kranker Hirsch, der ’s Wasser sucht in der Nacht, daß er z’ morgenst mit frische Kräft wieder aufsteigen kann nach der Höh.“ Friedl richtete sich in den Kissen auf, um die Sonne länger zu sehen, die langsam hinuntertauchte hinter die brennenden Baumwipfel.

Staunend hatte Benno das Gesicht des Jägers betrachtet, diesen dürstenden Mund, diese heißen, in Sehnsucht träumenden Augen. Der weiße Bund, der die Stirn des Kranken deckte, war vom Schein des Abends rot überhaucht. Doch was die sonst so blassen Wangen jetzt so glühend rötete, das war nicht nur die Sonne.

„Friedl? Wie kommst du zu solchen Gedanken?“

Ein müdes Lächeln zuckte um den Mund des Jägers. „Ich glaub, sie kommen zu mir. Da druckt’s mir allweil d’ Seel und ’s Herz a bißl zamm, und nacher hab ich so ebbes im Kopf drin.“ Er deutete nach der Sonne. „Schauen S’ hin, wie s’ verblutet! ’s letzte Tröpfl rinnt ihr aus! Und allweil tiefer geht’s abi. Und die goldigen Wölkerln ziehen hinter ihr nach, als wären s’ verliebt drein! Verliebt! Da – d’ Sonn is drunt – und d’ Nacht kommt. Pfüet dich Gott, du liebe Sonn!“ Er sank in die Kissen zurück, und tiefe Atemzüge hoben seine Brust. „Grad so is mein bißl Glück versunken“, sprach er flüsternd vor sich hin, „versunken in d’ Nacht! Grad, wie ich denkt hab, es scheint mir am allerschönsten!“