Aus diesen Worten klang eine Wehmut, die Benno ans Herz griff. Er glaubte, der Jäger meine seine Lebenssonne und fürchte, daß er nicht mehr genesen würde. Drum sagte er: „Geh! Wer wird denn so unvernünftige Gedanken haben! Es geht ja schon ganz gut mit dir! Laß nur noch acht Tage vorbei sein, dann springst du wieder auf deine Berge hinauf wie der Gesündeste!“

„Freilich, ja! Aber ich sag meim Leben kein Vergeltsgott net! Mei’ Herzenshoffnung war mein Leben, und seit ich kein Bröserl nimmer hoffen därf, bin ich a Gstorbener, und müßt ich auch auf der Welt noch rumlaufen hundert Jahr! Weswegen hab ich denn dös verdient? Ich brauchet nix fürchten für mein Seelenheil, und wann mich unser Herrgott an Ewigkeit lang brennen lassen möcht für jeden unguten Gedanken, den ich gegen dös Madl im Herzen tragen hätt. Sie war mein Denken und Schnaufen, sie war mein Weg und Steg, sie war mein Auf und Nieder seit meiner Kindheit an. Muß man denn in der Welt sein Glück noch teurer zahlen, als wie’s ich hab zahlen müssen? ’s Madl und ’s Kind – ich weiß net, wer mir da lieber gwesen is. Und am selbigen Tag noch, in der Fruh, da war ich der glücklichste Mensch von der Welt! Und auf d’ Nacht –“ Friedl bedeckte das Gesicht mit den Händen. „Ich hab’s doch selber erlebt – und trotzwegen will’s mir noch net eini in mein’ harten Schädel! Allweil und allweil rührt sich ebbes in meim Herzen und redt – und ich kann net glauben, wo ich doch glauben muß!“

„Aber Friedl? Was ist dir denn?“ fragte Benno bestürzt, während er dem Kranken die Hände herunterzog.

Mit heißen Augen sah Friedl zu ihm auf. „Ah ja! Sö wissen noch net, wie d’ Menschen sind! Und wie man bedankt wird auf unserer Welt. Ich will’s Ihnen verzählen. Und wann S’ alles wissen, nacher sagen Sö mir an Rat. Ich selber weiß mir kein’.“

Mit erregten Worten sprach er weiter, und Benno lauschte der leidvollen Geschichte dieses treuen Herzens.

Die Schatten des Abends schlichen durch das Fenster herein. Als Friedl zu Ende gesprochen hatte, lag schon die tiefe Dämmerung in der Stube.

„Das ist freilich eine sorgenschwere Geschichte!“ unterbrach Benno das lange Schweigen, das nach dem letzten Wort des Jägers entstanden war. „Aber dir macht sie keine Unehr, Friedl! Und schau, nach allem, was du mir erzählt hast, will es mir nicht in den Sinn, daß das Mädel so falsch an dir hätte handeln können, wie es freilich den Anschein hat. Wer kann wissen, ob sich der Blasi nicht auf irgendeine Weise den Eintritt in die Hütte erzwungen hat? Und schau – wer kann in der Hast und Aufregung immer gleich das Richtige finden. Menschen, die das können, sind selten. Und denk nur: was wär dir selber alles erspart geblieben, wenn du kurz entschlossen nach deiner Dienstpflicht gehandelt und den Blasi vor dem gespannten Gewehr heruntergeführt hättest zum Förster.“

Friedl wollte sprechen, aber Benno ließ ihn nicht zu Wort kommen.

„Das soll für dich kein Vorwurf sein! Ein Sprichwort sagt: Der hat gut reden, der weit vom Schuß ist. Ich kann mir vorstellen, was dir bei deiner Liebe zu dem Mädel da droben durch den Kopf gefahren ist. Und doch hast du getan, was ein anderer schwer versteht. Kann es so ähnlich nicht auch bei der Modei gewesen sein? Das ist doch leicht zu denken, daß ein Mädel bei so was stumm und ratlos wird vor Angst und Schreck. Vielleicht hat sie selber den Blasi in die Hütte hineingeschoben, um ein Zusammentreffen mit dir zu verhindern, bloß weil sie sich um dich gesorgt hat, um dich allein!“

Friedl umklammerte Bennos Hand. „Herr Dokter, wann ich Ihnen so reden hör, is mir grad, als ob mir jeds Wörtl an Zentner vom Herzen nähm! Am liebsten möcht ich noch in der jetzigen Stund auffispringen auf d’ Alm und zum Madl sagen: ‚Schau, an andrer hat besser denkt von dir als ich – sag mir, daß er recht hat, und durchs ganze Leben will ich’s abbüßen in Lieb und Treu, was ich an dir versündigt hab!‘“