Er brauchte fünf Stunden, um das Ziel seiner Wanderung zu erreichen. An der Jagdhütte fand er die Läden geschlossen und die Tür versperrt. Da nahm er von einer alten Feuerstatt ein Stücklein Kohle und schrieb mit großen, steifen Buchstaben an die Hüttentür: „Bin dagwest, i, da Lenzl. Kommscht ummi, gell!“ Damit Friedl auch sicher käme, schrieb er noch darunter: „Weils grank is!“

Dann schritt er die Bergschneide entlang zu der eine halbe Stunde entfernten Hochalm. Auch hier fragte er vergebens nach Friedl. Die Sennerin konnte ihm nur den guten Rat geben, sich bei den Holzknechten, die auf dem tieferen Gehäng des Berges arbeiteten, nach dem Jäger zu erkundigen. Als er auch bei den Holzleuten von Friedl keine Nachricht hörte, lief er kurz entschlossen durch den steilen Bergwald hinunter nach Fall. Am Waldsaum mußte er sich verstecken, weil der schwerbäuchige Grenzaufseher Niedergstöttner schnaufend und schwitzend auf dem Waldweg gegen die Schlucht der Dürrach hintappte, unter kummervollen Selbstgesprächen, die jede Mühsal des buckligen Weges dreimal verfluchten.

Das Kapellenglöckl läutete die Mittagsstunde, als Lenzl hinter den Weidenstauden der Dürrach hinunterschlich zur Isar. Wie ein Fuchs, der einer Henne an den Hals will, pirschte er gegen den kleinen Garten, den Friedls Mutter mit ihren rastlosen Händen dem steinigen Hügel abgerungen hatte. Lautlos an den Heckenstauden entlang huschend, spähte er durch das dichte Gezweig und kicherte vor sich hin: „Jetzt hab ich’s troffen.“

An der Mauer saß der marode Jäger auf einem Bänkl und sonnte den heilenden Fuß, während seine dürstenden Augen immer in der blauen Höhe suchten. Auf dem Schoß hatte er das Fernrohr liegen. Das hob er immer wieder und richtete es nach den Rasenwellen der Grottenalm wie ein Jäger, der Gemsen sucht.

Da richtete Friedl sich plötzlich auf. Er hörte klappernde Schritte und eine keuchende Stimme, die immer, wie in atemloser Angst, die zwei gleichen Worte wiederholte: „Jesus, Maria – Jesus, Maria – – Jesus, Maria –“

Erschrocken zuckte der Jäger vom Bänkl auf, ohne seines kranken Fußes zu denken. „Mar’ und Joseph!“ stammelte er, weil er die Stimme zu erkennen glaubte. „Is denn dös net der Lenzl?“

Richtig! Der war’s! Wie ein Besessener kam der Alte mit flatterndem Weißhaar von der Dürrach über die Straße hergelaufen und wollte am Gärtl des Jägers vorübersausen. „Jesus, Maria – Jesus, Maria – Jesus, Maria –“

„Lenzl!“ Mit hinkendem Fuß machte Friedl ein paar wilde Sprünge gegen die Heckenstauden. „Um Christi willen! Lenzl! Was is denn? So komm doch her zu mir! So laß doch reden a bißl!“

„Ich kann net – Jesus, Maria!“ keuchte der Alte und sprang. „Ich hab kei’ Zeit net, ich muß zum Dokter aussi nach Lenggries. Mei’ Schwester is soviel krank! Dö braucht a Trankl, a heilsams! Ich muß zum Dokter aussi – Jesus, Maria –“ Und weg war der Alte, verschwand an der Straßenbiegung, sprang aber nicht „aussi nach Lenggries“, sondern huschte kichernd in die Stauden der Dürrach und lief geduckt hinüber gegen den Waldsaum.

Als Friedl allein war, fingen ihm die Hände so heftig zu zittern an, daß er sie hinter den Hosengurt stecken mußte. Wie ein Verrückter humpelte er zur Haustür hinüber, trat langsam in die Stube, warf einen Sorgenblick auf das schlafende Büberl und sagte ruhig: „Mutter, jetzt mußt mir a Krügl Bier ummiholen. Soviel dürsten tut mich!“