Das alte Weibl zappelte flink davon. Als sie mit dem Krügl vom Wirtshaus kam, war keiner mehr da, der Durst hatte und trinken wollte. Auch Friedls linker Nagelschuh war verschwunden; nur der rechte stand noch unter dem Ofen. Und verschwunden war des Jägers Hut, sein Rucksack, seine Büchse und sein Bergstock. „O du heilige Mutter!“ stammelte die alte Frau erschrocken, rannte vors Haus und fing zu schreien an.

Das konnte Friedl noch hören, obwohl er den Triftsteg an der Dürrach schon erreicht hatte. Ohne das Gesicht zu drehen, sprang er wie einer mit gesunden Beinen. Drüben über dem Wasser, auf dem steigenden Waldweg, ging es langsamer. Alle paar hundert Schritte mußte er stehenbleiben, um den schmerzenden Fuß rasten zu lassen. Und weil der plumpe Filzschuh, den er am kranken, dick verbundenen Fuß hatte, beim Steigen immer rutschte, mußte Friedl sich hinsetzen, eine Schnur aus dem Rucksack nehmen und den lockeren Filzkübel verläßlich an den Knöchel binden. Ein paar Schlingen der Schnur legte er auch um die Sohle, damit er einen festeren Tritt bekäme. Als er, zitternd vor Ungeduld, sich erhob, blickte er über den steilen Bergweg hinauf, den er zu überwinden hatte. Und da gewahrte er in der Höhe, nicht weit von der Grottenalm, eine sonderbare Sache. Da droben war ein feines Blitzen und Gefunkel, als spiegelte sich die Sonne in vielen, beweglichen Glassplittern.

Dieses Funkeln und Strahlenschießen kam von den Uniformknöpfen und vom Bajonett des schwerbäuchigen Grenzaufsehers Niedergstöttner, der sich schon mit Schwitzen und Fluchen über den ganzen Waldsteig hinaufgezappelt hatte und der Alm schon nahe war.

Er hatte, um Luft zu bekommen, die grüne Uniform aufgeknöpft, nicht nur den Rock, auch die Hose. Die großschirmige Mütze hatte er an das Bajonett seines königlich bayrischen Grenzkarabiners gehängt, den er bald auf die rechte, bald auf die linke Schulter lupfte. Ein großes, geblumtes Taschentuch, fleckig durchfeuchtet, bedeckte als Sonnenschutz die Glatze und warf noch einen Zipfelschatten über das erhitzte, krebsrote Vollmondgesicht. Trotz seiner dritthalb Zentner war Herr Niedergstöttner von quecksilberner Beweglichkeit. Und ebenso flink, wie er die kurzen dicken Beine rührte, schwatzte er beim Steigen die Monologe seiner Bergverzweiflung vor sich hin.

„Tuifi, Tuifi, Tuifi, is dös a Hitz! Is dös a Hitz! Und schnaufen muß ich, grad schnaufen, schnaufen, schnaufen.“

Hurtig kletterte er über die letzten Steigstufen hinauf, drehte sich um, guckte in die Tiefe und fand, wenn auch ein bißchen asthmatisch, das Lachen eines Glücklichen.

„Gott sei Lob und Dank! Jetzt bin ich heroben! Is dös an Arbeit gwesen! Verfluchte Berg, verfluchte Berg!“ Er zerrte das Taschentuch von der Glatze, trocknete Gesicht und Hals, dehnte sich wie ein Schlangenmensch vor der Produktion und zog das Knie in die Höhe. „Die ganze Muschkelatur hint aussi is mir krämpfig! Allweil d’ Füß heben, allweil d’ Füß heben! Unser Herrgott muß an böshäftigen Hamur ghabt haben, wie er die Berg derschaffen hat! Verfluchte Berg, verfluchte Berg! Und an Durst kriegt man, jöööises, an Durst, an Durst, an Durst! Da wär jetzt a Maßerl fein, a Maßerl, a Maßerl!“ Sehnsüchtig guckte er auf dem Almfeld herum und betrachtete Modeis stille Hütte. „He da! Was is denn? Is dö bucklete Welt da heroben ausgstorben? Und gibt’s denn da gar net a bißl ebbes, was kühl is? Aaaah, da is ja a Brünndl, a Brünndl, a Brünndl!“ Er zappelte auf den Brunnen zu und legte lachend das Gewehr ab. „Wasser! Brrrrr! A schauderhafte Sach! Da ghört a Kurasch dazu, a Kurasch, a Kurasch, a Kurasch.“ Hurtig steckte er das Dampfnudelköpfl in den Brunnentrog, pritschelte und spritzte, scheuerte die zinnoberfarbene Glatze und schüttelte die Tropfen von sich ab, was ihm leicht gelang, da er keine Haare hatte, in denen das Wasser hätte hängenbleiben können.

Weil er eine Sennerin von der Almhöhe herunterkommen sah, knöpfte er als Kulturmensch unverweilt die klaffende Hose zu, machte säuberliche Amtstoilette und setzte die Mütze auf.

Mit der ledernen Salztasche um die Hüften kam Modei müd und versonnen über das Weidefeld herunter. Als sie die Uniform sah, erschrak sie, daß ihre Lippen weiß wurden. Dann merkte sie: ein Grenzaufseher, kein Gendarm. Und mit halber Ruhe konnte sie sagen: „Grüß Gott, Herr Grenzer! Was schaffen S’ bei mir?“

„Aufschreiben, aufschreiben, wieviel als d’ Vieh hast.“ Niedergstöttner zog ein Ungetüm von grünledernem Notizbuch heraus. „Aber sag, du saubers, du herzliebs Maderl, hast net ebba aus gottsgütigem Zufall a Flascherl Bier da heroben? Für a Flascherl Bier kunnt ich dem Tuifi heut mein ewigs Leben verschreiben.“