Friedl war blind und taub. Wesentlich verständiger benahm sich in diesem Augenblick der grausam mißhandelte Filzkübel, der sich als hilfreicher Freund erwies, indem er rutschte. Der Jäger machte eine gaukelnde Bewegung, brach auf der leidenden Seite halb ins Knie, verbiß den quälenden Schmerz und versuchte zu lachen.
„Hast dir weh tan?“ stammelte das Mädel in Sorge. „Am Fuß?“
„Ich?“ Dieses Fürwort erinnerte im Klang an das „Ah“ des ehemaligen Nachtwächters von Lenggries. Dabei guckte Friedl halb über die Schulter, noch immer krampfhaft lachend. „Meine Füß derleiden schon a bißl ebbes.“ Er wollte wandern. Das ging nicht. Mit blassen Lippen sagte er: „Gleich marschier ich wieder. Aber a Recht zum Rasten hat der Mensch allweil, wann der Weg weit is. Und an kühlen Trunk muß ich haben – mir is, als müßt mir einwendig alls verbrennen.“ Er schleppte sich zum Brunnen hinüber. Modei blieb ratlos stehen und sah ihm nach, sah immer den knappenden Fuß an. Dabei gewahrte keins von den beiden, daß am unteren Saum des Almfeldes die Blässin und zwei Kälber aus dem Wald heraufgaloppierten. Die Blässin rasselte mit der großen Schelle, eins von den Kälbern bimmelte. Das andre kam stumm gesprungen – es war irgendwo im Wald, bei der Dürrach drunten, an einer Staude hängengeblieben und hatte den ledernen Schellengurt vom Hals gerissen.
Mit Steinen werfend, hetzte Lenzl hinter den drei eingeholten Flüchtlingen her. Und gleich gewahrte er das Paar beim Brunnen. Sich duckend, kicherte er seine Freude vor sich hin und huschte gedeckt zur Hütte hinauf. „Mir daucht, da muß ich noch a bißl schieben. Bei der Lieb liegt allweil der Verstand überzwerch.“
Friedl hatte Gewehr und Bergstock an die Brunnensäule gelehnt, ließ sich hinfallen auf den Trog, schöpfte Wasser mit der hohlen Hand und schlürfte gierig.
Da sprang das Mädel auf ihn zu und riß ihm die Hand von den Lippen. „Du! Dös tust mir net! In d’ Hitz eini so a kalts Wasser trinken.“
„Ah was! Der Schlag wird mich net gleich treffen. So verzartelt bin ich net. Mich haben ganz andere Sachen net umgworfen.“ Ein wehes Schwanken war in seiner Stimme. „Und ’s Wasser is allweil ebbes, wo man sich drauf verlassen kann. Wann ’s Wasser klar is, weiß man: da därfst trinken davon. Und wann’s trüb is, kennt man sich auch gleich aus. Da is nie ebbes Unsichers dran, wo man net weiß, was man sich denken soll.“ Weil er an ihren Augen sah, wie nah ihr diese Worte gegangen waren, stammelte er erschrocken: „Deswegen brauchst net so traurig dreinschauen. Ebbes Bsonders hab ich mir net denkt dabei. Bloß a bißl beispielmaßig hab ich gredt. Und jetzt hab ich mich gut abkühlt, jetzt kann ich wieder marschieren.“ Nach dem Gewehr greifend, erhob er sich.
„Na, Friedl!“ Sie war ruhig geworden. „So därfst mir net fort – mit deim armen Fuß –“
Er wurde ungeduldig. „Fuß, Fuß, Fuß? Was willst denn allweil mit meim Fuß? Der is schon lang wieder gut.“
„Wie kann er denn gut sein, wann noch allweil kein’ Schuh net tragen därfst?“