In Lenzls Augen hatte es wie Freude geblitzt, als er den Jäger eintreten sah. Er wollte aufspringen. Ein Blick der Schwester hielt ihn am Herde fest. Sie ging auf Friedl zu und reichte ihm die Hand. „Ich bin net schlafen gangen. Seit a paar Tag is a Stückl Vieh net gut. Heut in der Nacht war’s schlecht mit ihm. Drum hab ich mich heut net niederlegen können.“
Friedl erschrak. Modei hatte nie viel Farbe gehabt; jetzt schien auch der letzte Tropfen Blut aus ihren Wangen verschwunden zu sein. Dazu lag die Müdigkeit einer in Schmerzen durchwachten Nacht in ihren bleichen Zügen. Einen Blick nur brauchte Friedl auf ihr abgehärmtes Gesicht zu werfen, um zu wissen, daß Modei, wenn auch keine Lüge, doch auch die Wahrheit nicht gesagt hatte. Was war geschehen? Es legte sich ihm bei dieser Frage wie eine eiserne Klammer um das Herz. Wußte er doch allzu gut, wer gestern noch gekommen war!
Modei hatte keine Ahnung, daß der Jäger ihr gehütetes Geheimnis kannte. Was Friedl nicht durch eigene Beobachtung erkundet hatte, erfuhr er aus dem für ihn immer mitteilsamen Mund des Alten, der ihn bei allen Sorgen um die Schwester zum Vertrauten gewählt hatte, gerade ihn, der am allerwenigsten dazu paßte. Wie hatten Zorn und Eifersucht im Herzen des Jägers oft getobt bei allem, was er da hören mußte! Seine tiefe, treue Neigung hatte immer wieder die Oberhand gewonnen über jedes erbitterte Gefühl.
Dieses Treue und Heiße lag auch jetzt in seinem Blick. Es war gut, daß Benno in die Hüttenstube trat. Sonst hätte Friedl wohl kaum die Frage zurückgehalten, die sich aus seinem gepreßten Herzen herausdrängte.
Während Benno sich auf die Bank setzte, nahm Friedl seinen Platz auf dem Herdrand neben Lenzl. Modei ging ab und zu, um zu holen, was sie für Benno brauchte. Während sie still am Herd stand, um das Sieden des Wassers abzuwarten, plauderten Friedl und Lenzl von allerlei Dingen: ob wohl am Tage, der schön zu werden versprach, das gute Wetter anhalten würde – daß ein baldiger Regen not täte, weil das Quellwasser zu versiegen begänne – und von anderem mehr.
Dann trank Benno seinen Kaffee, lobte ihn redlich und machte Modei um ihrer Kochkunst willen Komplimente; schließlich bat er noch um ein Glas Wasser. Kaum war Modei zur Türe draußen, als Friedl schon einen stummen, bang fragenden Blick auf Lenzl warf. Der Alte flüsterte in Friedls Ohr: „Am Abend wart ich beim Heustadl auf dich.“
Ein paar Minuten später machte Benno sich mit dem Jäger auf den Weg. Als Friedl der Sennerin die Hand reichte, klang seine Stimme so warm und herzlich, daß das Mädel betroffen zu ihm aufsah.
Eine gute Stunde hatten die beiden Jäger zu steigen, bis sie den Grat des Berges erreichten. Droben machten sie Rast, um der aufgehenden Sonne zuzuschauen, wie sie erst mit zarten Farben die langgezogenen Wolken säumte und dann mit leuchtendem Rot die felsigen Höhen übergoß. Dort unten auf weiter Alm lagen Punkls und Modeis Hütten, und in ferner Tiefe das kleine Tal von Fall, über dem noch die Nebel und Schatten des frühen Morgens schwebten.
Friedl nahm sein Fernrohr aus dem Rucksack und richtete das Glas auf eine der Hütten da drunten. Er sah die Sennerin – sie saß auf der Steinbank vor der Tür, hielt die Hände hinter dem Nacken verschlungen und lehnte den Kopf an die Hüttenwand, regungslos aufblickend zum lichten Morgenhimmel.
Benno mußte zum Aufbruch mahnen. Der Jagdeifer zuckte ihm in allen Gliedern.